Der ECM-Markt lief trotz der Corona im ersten Halbjahr auf Hochtouren – und könnte im zweiten Halbjahr weiter an Fahrt aufnehmen.

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31.08.20
Finanzierungen

ECM-Markt im Aufwind

Der ECM-Markt läuft trotz Corona auf Hochtouren. Während IPOs eine Flaute erlebten, schickt sich ein anderes Finanzierungsinstrument an, zum Unternehmensliebling zu werden.

Der ECM-Markt lief trotz der Coronavirus-Krise im ersten Halbjahr auf Hochtouren: Weltweit wurden Eigenkapitaltransaktionen mit einem Volumen von 712 Milliarden US-Dollar durchgeführt – damit ist das Volumen doppelt so groß wie im vergleichbaren Vorjahreszeitraum. Bezogen auf den Raum EMEA liegt der Zuwachs bei mehr als 30 Prozent. Das zeigen aktuelle Zahlen der US-Investmentbank Goldman Sachs.

Auch in Deutschland boomte der ECM-Markt – allerdings auf einem niedrigeren Niveau: Im ersten Halbjahr 2020 belief sich das Transaktionsvolumen auf rund 19 Milliarden Euro, 2019 waren es im gesamten Jahr nur 13 Milliarden Euro. Der Anstieg ist also enorm, erklärt sich aber auch damit, dass das Vorjahr ein relativ schwaches Jahr war. Sowohl im Jahr 2017 als auch 2018 lagen die Volumina mit 29 beziehungsweise 35 Milliarden Euro deutlich höher.

Vorsorge treibt ECM-Markt

„Während des ersten Corona-Schocks standen die ECM-Märkte – wie auch andere – zunächst still, die Volatilität erreichte Rekordniveaus“, beschreibt Christoph Stanger, Co-Leiter des Aktienemissionsgeschäfts für EMEA bei Goldman Sachs, die Entwicklungen des ersten Halbjahrs. „Als die Investoren das Gefühl hatten, Politik und Wirtschaft bekommen die Lage in den Griff, zog auch die Aktivität an den ECM-Märkten wieder an“, so der Experte. Der Volatilitätsindex Vix befinde sich zwar noch nicht auf Vorkrisenniveau, aber wieder auf einem deutlich niedrigeren Stand.

Treiber der ECM-Transaktionen ist natürlich auch der erhöhte Liquiditätsbedarf durch die Corona-Pandemie. Doch auf den zweiten Blick lassen sich auch andere Gründe erkennen. „Rund 22 Prozent aller ECM-Transaktionen in diesem Jahr wurden von Unternehmen platziert, die das Kapital in der Krise dringend benötigten, also sogenannten Distressed Issuers“, so Stanger. Weitere 41 Prozent der Transaktionen seien als Vorsichtsmaßnahme eingeleitet worden, um für weitere Auswirkungen der Krise gerüstet zu sein.

„Während des ersten Corona-Schocks standen die ECM-Märkte zunächst still, die Volatilität erreichte Rekordniveaus.“ 

Christoph Stanger, Co-Leiter des EMEA-Aktienemissionsgeschäfts, Goldman Sachs

„Dazu kommen allerdings noch die 38 Prozent der Transaktionen, die von opportunistischen Emittenten platziert wurden“, so Stanger. Daran zeige sich, dass der ECM-Markt auch Unternehmen gelockt hat, deren Geschäft durch die Krise beschleunigt wurde, und die in der aktuellen Situation strategische Chancen sehen.

Corporates setzten auf Kapitalerhöhungen

Mit Blick auf die einzelnen Instrumente, die Unternehmen am ECM-Markt nutzten, zeigt sich ein differenziertes Bild. Während der IPO-Markt massiv eingebrochen ist, zeigen sich bei Kapitalerhöhungen und Wandelanleihen deutliche Zuwächse, sowohl in der EMEA-Region als auch in Deutschland.

Die Follow-on-Transkationen, unter denen Accelerated Bookbuilding Offerings/ABOs, Bezugsrechtskapitalerhöhungen und Umplatzierungen zusammengefasst werden, lagen im ersten Halbjahr im Raum EMEA laut Goldman Sachs bei 97 Milliarden Dollar, mehr als 50 Prozent höher als im Vorjahreszeitraum. In Deutschland wurden mehr als 12 Milliarden Dollar über solche Instrumente eingesammelt, im Vorjahr waren es im gleichen Zeitraum knapp 7 Milliarden Euro.

„Der Löwenanteil der Follow-on-Transaktionen fiel in allen Märkten auf ABOs, die vor allem im zweiten Quartal platziert wurden“, erklärt Stanger. Jüngstes Beispiel: RWE sammelte Mitte August – und damit eigentlich noch während der Sommerpause – über ein beschleunigtes Platzierungsverfahren 2 Milliarden Euro bei institutionellen Investoren ein. Bereits im April besorgte sich auch der Medizintechniker Drägerwerk frisches Geld über eine Kapitalerhöhung, ebenfalls im beschleunigten Verfahren.

Wandelanleihen erleben Renaissance

Neben Kapitalerhöhungen griffen Emittenten auch immer häufiger auf Wandelanleihen zurück. In der EMEA-Region wurden so rund 20 Milliarden Dollar eingesammelt (12,5 Milliarden Dollar im Vorjahreszeitraum), in Deutschland waren es 6,5 Milliarden Dollar (0,1 Milliarden Dollar im Vorjahreszeitraum). Einige deutsche Emittenten, wie etwa Zalando und Delivery Hero entdeckten den Markt ganz neu für sich und besorgten sich gleich Milliardensummen über den Markt.

Thorsten Pauli, ECM-Chef der BofA in der DACH-Region, geht davon aus, dass der Trend zu den Convertibles in den kommenden Monaten weitergehen wird: „Das Instrument ist sehr flexibel und bietet Unternehmen derzeit besonders attraktive Konditionen, in vielen Fällen sogar mit Renditen im negativen Bereich.“ Nach wie vor fürchteten einige Emittenten aber die mögliche Verwässerung am Ende der Laufzeit. „Aus meiner Sicht ein überbewerteter Aspekt. Schließlich können Unternehmen die Bonds zurückkaufen, wenn die Wandlung in Aktien vermieden werden soll“, so der Experte.

„Die mögliche Verwässerung von Wandelanleihen am Ende der Laufzeit ist aus meiner Sicht ein überbewerteter Aspekt.“ 

Thorsten Pauli, Leiter ECM für die DACH-Region, Bank of America

Deutsche Unternehmen zu Krisenbeginn vorsichtig

Die Zurückhaltung, die einige deutsche Unternehmen gegenüber Wandelanleihen verspüren, zeige sich auch, wenn man sich das Timing der ECM-Transaktionen in Europa genauer ansieht. „Auch hier sieht man deutlich, dass deutsche Unternehmen nach wie vor sehr viel vorsichtiger agieren als andere Nationalitäten, wenn es darum geht, den Kapitalmarkt für Finanzierungen zu nutzen“, so Pauli.

Während in Großbritannien bereits mit Ausbruch der Krise ein Run auf die ECM-Märkte begonnen habe, so hätten die deutschen Unternehmen zunächst keine Transaktionen angestoßen, sondern die Situation analysiert: Wie lange wird die Krise anhalten, welches Kapital wird benötigt? „Deutsche Unternehmen versuchen, am Kapitalmarkt im Idealfall nur einmal frisches Kapital einzuwerben“, so Pauli.

ESG wird auch für Eigenkapitaltransaktionen relevanter

Für den weiteren Jahresverlauf rechnen beide ECM-Experten mit einem weiter steigenden Emissionsvolumen. Neben dem Autozulieferer Schaeffler, der gerade den Weg für eine Kapitalerhöhung freigemacht hat, hat auch Siemens Healthineers angekündigt, für die Refinanzierung des Varian-Deals eine Kapitalerhöhung durchzuführen. Pauli prognostiziert auch, dass es in Deutschland in den kommenden Monaten wieder mehr IPOs geben wird. Wie stark das ECM-Jahr letztlich abschließen wird, hänge aber vor allem davon ab, wie sich externe Ereignisse wie die US-Präsidentschaftswahlen oder auch der weitere Verlauf der Pandemie entwickelten.

Zudem dürfte der ESG-Trend, der sich an den DCM-Märkten ebenfalls verbreitet, auch für Eigenkapitaltransaktionen an Relevanz gewinnen. „Wenn man sich die Performance nachhaltiger Aktienindizes in der Krise ansieht, dann ist klar, dass dieses Thema bereits jetzt eine große Bedeutung hat“, berichtet Goldman Sachs Experte Stanger. Die gute Performance nachhaltiger Assets werde den Sustainability-Trend weiter forcieren.

olivia.harder[at]finance-magazin.de

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