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Schalke-Anleihe bringt 30 Prozent Rendite

In der tiefsten Krise der Vereinsgeschichte: Schalke 04
Schalke 04

Der Kapitalmarkt beginnt, das einst Undenkbare einzupreisen – eine Pleite des Fußball-Traditionsklubs Schalke 04. Das zeigt sich deutlich an den Bondkursen: Der Bundesligaklub hat eine Mittelstandsanleihe über 50 Millionen Euro ausstehen. Deren erste Tranche summiert sich auf 16 Millionen Euro und wird im Juli fällig. Die übrigen 34 Millionen muss Schalke im Juli 2023 zurückzahlen. „Das Timing könnte kaum schlechter sein, schließlich wird Schalke im laufenden Geschäftsjahr einen hohen Verlust einfahren“, meint der Analyst Peter-Thilo Hasler, der neben Industrie- auch Fußballunternehmen verfolgt.

Was die Bonds über Schalkes Finanzlage verraten

Die Kursverläufe der beiden Schalke-Papiere verraten gleich auf mehrerlei Weise, dass sich unter den Investoren Sorgen vor einer Pleite von Schalke 04 breit machen: Zum einen liegt der Kurs der später fällig werdenden Tranche deutlich unter dem des Kurzläufers: 74 Prozent gegenüber 90 Prozent, und das, obwohl der Langläufer mit 5 Prozent einen höheren Kupon bringt als die 2021er-Tranche mit 4,25 Prozent – ein typisches Muster für ausfallgefährdete Bonds.

Zum anderen steigt mit jedem Tag, an dem die Bonds weiter fallen und die Fälligkeit näher rückt, die Ablaufrendite an – bei dem 2021er-Bond sogar sehr dynamisch. Aktuell liegt sie schon bei rund 30 Prozent, Tendenz steigend. Allein zwischen Mitte November und dem Jahresende hat die 2021er-Anleihe fast 10 Prozentpunkte an Wert verloren. 30 Prozent sind keine „Fallen-Angels“-Rendite, wie sie unter Druck geratene Anleiheemittenten bieten, sondern ein Hinweis auf eine reelle Insolvenzgefahr.

Schalke droht Einbruch bei TV-Geldern

Tatsächlich steht Schalke mit dem Rücken zur Wand, sportlich wie finanziell. Nach einer historisch langen Serie ohne Sieg und nach zwei Trainerentlassungen in nur drei Monaten ist die Mannschaft Tabellenletzter, es droht der Abstieg.

Ein solcher würde die Umsatzbasis schwer belasten: Aktuell steht Schalke auf Rang 9 der TV-Geld-Tabelle und kassiert dadurch in der laufenden Saison Fernsehgelder von etwas mehr als 55 Millionen Euro. Zum Vergleich: Der VfB Stuttgart bekam letzte Saison als Bundesligaabsteiger in Liga Zwei mit direktem Wiederaufstieg 24 Millionen Euro – eine Differenz von 31 Millionen Euro. Auch andere Einnahmeposten wie Tickets und Sponsoring würden bei einem Abstieg deutlich unter Druck geraten.

Tiefe Finanzlöcher bei Schalke 04

Gleichzeitig plagen Schalke 04 absehbare Ausgaben, die der Klub – anders als etwa den Spieleretat – kurzfristig nicht nennenswert kappen könnte. So bilanzierten die Knappen zum Ende des ersten Halbjahres offene Transferverbindlichkeiten – um Transferforderungen bereits bereinigt – von 19,5 Millionen Euro. Und für den bereits begonnenen Bau des neuen Trainings- und Nachwuchszentrums am Berger Feld werden in naher Zukunft noch 65 Millionen Euro fällig.

Hinzu kommen noch die Einnahmenverluste durch die Geisterspiele. Im Frühjahr entgingen Schalke für jedes Heimspiel ohne Zuschauer fast 6 Millionen Euro an Einnahmen. Hochgerechnet auf 17 Heimspiele in der laufenden Bundesligasaison wären das rund 100 Millionen Euro, davon etwa 35 Millionen Euro bis zum Geschäftsjahresende am 31. Dezember.

Alles in allem summieren sich diese Posten auf ein Finanzloch von weit über 100 Millionen Euro, das bis zum nächsten Sommer voll aufzureißen droht. Sollte Schalke absteigen, könnte die Lücke im Verlauf der nächsten Saison sogar auf fast 200 Millionen Euro anwachsen – laufende, operative Verluste noch gar nicht mit eingerechnet (eine ausführliche Analyse der aktuellen Finanzlage von Schalke 04 aus dem Oktober finden Sie hier).  

Schalke braucht Landesbürgschaft

Angesichts dieser enormen Summen wirkt der im Juli für die Anleihe fällige Betrag von 16 Millionen Euro fast schon winzig. Das gilt auch im Vergleich zum Umsatz, der im Geschäftsjahr 2020 immer noch zwischen 160 und 200 Millionen Euro liegen soll. Die Nettofinanzschulden schätzt Schalke zum Jahresende 2020 in etwa auf 150 bis 180 Millionen Euro.

Es hätten also viele Gläubiger eine Menge zu verlieren, sollte Schalke wegen eines Ausfalls der Anleihe im Juli Insolvenz anmelden müssen. Dazu zählt auch das Land Nordrhein-Westfalen, das für einen 35 Millionen Euro schweren Kredit bürgt, den Schalke inmitten der ersten Coronawelle im Frühjahr aufnehmen musste, um sich über Wasser zu halten.   

Welche Optionen hätte Schalke, um sich zu retten?

Welche Möglichkeiten hätte die neue Schalke-Finanzchefin Christina Rühl-Hamers, die Klippe der Fälligkeit im Juli zu umschiffen? Die einfachste Lösung wäre es, gleich beide Tranchen der Anleihe zurückzuzahlen. Die 2021er-Anleihe könnte Schalke zu par tilgen, für die 2023er-Tranche hätte der Klub eine Call-Option, die er im Juli zum Preis von 101,5 Prozent ziehen könnte. Doch dafür müsste Rühl-Hamers zügig eine Refinanzierungslösung finden. Dass Schalke schon im vergangenen Frühjahr für einen neuen Kredit eine Landesbürgschaft benötigte, ist ein Hinweis darauf, dass eine Komplett-Tilgung beider Tranchen kein leichtes Unterfangen wäre.

„Für Fußballunternehmen gelten andere Gesetze.“

Peter-Thilo Hasler, Analyst

Möglichkeit zwei wäre es, die Laufzeit der ersten Anleihetranche über Juli 2021 hinaus zu verlängern, so wie es in diesem Jahr schon einige Emittenten getan haben, etwa der unter den Lockdowns leidende Hemdenhersteller Eterna. Da beide Tranchen der Schalke-Anleihe mit dem gleichen Prospekt begeben worden sind, müsste eine solche Lösung aber vermutlich auch die zweite, mehr als doppelt so große Anleihetranche umfassen.

Eine dritte denkbare Lösung, wenn die „normalen“ Kreditquellen versiegen sollten, wäre der Versuch, wie schon im Jahr 2010 die eigenen Anhänger anzusprechen und erneut eine Fananleihe zu begeben. Dem Hamburger SV gelang dies im Jahr 2019 in höchster Not: Die Hanseaten bekamen von ihren Fans genau die 17,5 Millionen Euro, die sie brauchten, um eine auslaufende Anleihe zurückzahlen zu können. Schalke hat eine ähnlich große Fanbasis wie der HSV. Allerdings ist das aktuelle Management bei den Anhängern alles andere als populär.

Einem "Spiegel"-Bericht zufolge gäbe es darüber hinaus vielleicht auch noch die Möglichkeit, über Lizenzverkäufe 10 bis 20 Millionen Euro aus der noch jungen E-Sports-Sparte herauszuziehen. Aber angesichts der Höhe der Schulden und des Defizits wäre dies wohl allenfalls eine Kurzfristmaßnahme.

Analyst hält die Lage für düster

Analyst Hasler hält die Lage für düster: „Wäre Schalke ein gewöhnliches Industrieunternehmen, könnte ich mir nur schwerlich ein Szenario vorstellen, wie das heute schon überschuldete Unternehmen dieser Zwickmühle entfliehen könnte.“ Allerdings meint er, dass „für Fußballunternehmen andere Gesetze gelten“. Hasler kann sich auch vorstellen, dass ein Investor in das Eigenkapital des Vereins einsteigt und damit die Finanzierungsnot auflöst. Denkbar wäre beispielsweise ein Name aus dem Sponsorenkreis. Die drei Hauptsponsoren sind Gazprom, Veltins und Umbro.

Zwischen den Jahren hat sich auch ein alter Bekannter als Helfer ins Gespräch gebracht: Der Fleischunternehmer und Ex-Aufsichtsratschef Clemens Tönnies bot an, im Notfall für Finanzhilfen bereitzustehen.
   
michael.hedtstueck[at]finance-magazin.de

Info

Updates und Analysen zur Entwicklung der Schalke-Finanzen finden Sie auf unserer Themenseite zu Schalke 04.

Mehr Fußballfinanzanalysen gibt es in unserem Blog „Dritte Halbzeit“.

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Michael Hedtstück ist Chefredakteur von FINANCE-Online und FINANCE-TV und verantwortet die Online-Aktivitäten des FINANCE-Magazins. Er ist zweifacher Träger des Deutschen Journalistenpreises.

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