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Restrukturierungsnews: Air Berlin, Deutsche Lichtmiete, Ekosem Agrar

Kein Schadenersatz von Etihad: Der Insolvenzverwalter von Air Berlin will doch nicht gegen den ehemaligen Großaktionär klagen
Kein Schadenersatz von Etihad: Der Insolvenzverwalter von Air Berlin will doch nicht gegen den ehemaligen Großaktionär klagen. Foto: Markus Mainka - stock.adobe.com

Air-Berlin-Insolvenz: Etihad ist vom Haken

Air Berlins Insolvenzverwalter Lucas Flöther ist von seinem Plan abgerückt, Schadenersatz vom früheren Großaktionär Etihad zu fordern. Einer Gerichtsentscheidung zufolge hätte ein solcher Prozess in Großbritannien geführt werden müssen. Dort hätte eine Klage aber keine ausreichende Aussicht auf Erfolg, hieß es zur Begründung. Air Berlin wurde zwar operativ aus Deutschland gesteuert, der formale Sitz der Airline war jedoch am Londoner Flughafen Stansted. 

Etihad hatte Air Berlin wenige Monate vor der Insolvenz im Jahr 2017 noch weitere Unterstützung zugesagt, dann jedoch die Unterstützung eingestellt. Flöther, der vor einigen Monaten auch einen Verkaufsprozess für ein umfassendes Forderungspaket gegen Etihad gestartet hatte, wollte von der arabischen Airline ursprünglich Schadenersatz im mittleren dreistelligen Millionenbereich fordern.

Erste Interessenten für Deutsche Lichtmiete

Die Suche nach Investoren für die insolvente Deutsche Lichtmiete macht laut den vorläufigen Insolvenzverwaltern Rüdiger Weiß (Wallner Weiß) und Malte Köster (Willmer Köster) Fortschritte: Rund 30 mögliche Käufer hätten ihr Interesse bekundet. Zum Verkauf steht das Kerngeschäft der Gruppe, das die Vermietung von Leuchten an Gewerbe- und Behördenkunden umfasst. „Die zwischenzeitliche Rücknahme der Insolvenzanträge hat den Verkaufsprozess nicht gerade erleichtert“, erklärte Rüdiger Weiß. Er sei jedoch zuversichtlich, eine Investorenlösung „für Teile der Deutsche-Lichtmiete-Gruppe zu erreichen“. Den M&A-Prozess begleitet Rothschild.

Der Prozess ist kompliziert, da mehr als 3.000 Anleger Leuchten über Direktinvestments gekauft haben. Diese Leuchten wurden anschließend an Lichtmiete-Kunden vermietet. Um diese Leuchten mit dem Geschäftsbetrieb an einen Investor weiterverkaufen zu können, müssen die Direktanleger im Zuge des Investorenprozesses kooperieren. Die rund 40 verbliebenen Mitarbeiter des Oldenburger Unternehmens erhalten unterdessen wieder Gehalt. Nach der überraschenden Rücknahme der Insolvenzanträge hatte die finanzierende Bank die Vorfinanzierung des Insolvenzgeldes gekündigt. Dies wurde zum Problem, als nur wenige Tage später erneut ein vorläufiges Insolvenzverfahren angeordnet wurde. Inzwischen leistet eine neue Bank die Vorfinanzierung des Insolvenzgelds.

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Der Leuchtmittelspezialist Deutsche Lichtmiete steckt erneut im vorläufigen Insolvenzverfahren. Dieses Mal kann der vorläufige Verwalter härter durchgreifen.

Deutsche Lichtmiete erneut im Insolvenzverfahren

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Nach einer kuriosen Wendung steckt die Deutsche Lichtmiete erneut in einem vorläufigen Insolvenzverfahren. Im Unterschied zum ersten Mal hat der Verwalter nun mehr Macht – auch gegenüber dem Management.

Kritik an Restrukturierungsplan für Ekosem-Agrar-Anleihe

Die Pläne des in Russland tätigen Agrarkonzerns Ekosem Agrar zur Restrukturierung der 2022 und 2024 fälligen Anleihen stoßen auf heftige Kritik. Das Beratungshaus One Square bemängelt, die zur Abwendung einer Insolvenz vorgeschlagenen Maßnahmen gingen weit über das Ziel hinaus: „Insgesamt ist festzuhalten, dass die Gesellschaft in der aktuellen Krise eine günstige Gelegenheit zu sehen scheint, sich elegant der Verpflichtungen aus der Anleihe insgesamt zu entledigen“, schreibt One Square. Ekosem schlägt unter anderem eine Zinssenkung, eine fünfjährige Laufzeitverringerung sowie den Verzicht auf eine Rückzahlungsoption im Falle eines Kontrollwechsels der operativen Gesellschaft vor. One Square kritisiert, es gebe bislang keine Vorschläge, wie ein Zinsverzicht aufgeholt werden könnte. Auch sei unklar, welche Beiträge die Gesellschafter leisten könnten. Der Verzicht auf Rückzahlung bei einem Kontrollwechsel käme sogar „einer kompletten Selbstenteignung der Anleihegläubiger gleich“.

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Farming in Russland: Ekosem Agrar will seine Anleihen restrukturieren und erntet für sein Konzept böse Kritik. Foto: Beatrice Preve / stock-adobe-com

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Das Ringen um die Rettung der Mittelstandsanleihen von Ekosem Agrar artet zu einem harten Konflikt aus. Will das deutsch-russische Unternehmen wirklich die Bondholder „enteignen“ und die Anleiheschulden „elegant loswerden“?

Weitere Insolvenz- und Sanierungsverfahren

Der niedersächsische Kondomhersteller CPR, nach eigenen Angaben mit jährlich 210 Millionen produzierten Präservativen der größter Kondomhersteller Europas, muss erneut in ein Insolvenzverfahren. Vorläufige Insolvenzverwalterin ist Karina Schwarz (Schwarz + Rühmland). Sie gab gegenüber der „Wirtschaftswoche“ die Russland-Sanktionen als Grund für die Schieflage an. Das Unternehmen habe zuletzt rund ein Viertel des Umsatzes in Russland erzielt. Für CPR ist es die zweite Insolvenz binnen kurzer Zeit, erst im Mai 2020 war ein vorheriges Verfahren beendet worden.

Über den Metallbauer HZD Druckguss Havelland ist das Insolvenzverfahren eröffnet worden, Verwalter ist Christian Graf Brockdorff von der Kanzlei BBL Brockdorff. Das Unternehmen war seit Januar im vorläufigen Insolvenzverfahren, Mitte März wurde eine starke vorläufige Verwaltung angeordnet. Dabei gehen weitere Verfügungskompetenzen auf den vorläufigen Verwalter über. Das Unternehmen soll über einen Insolvenzplan saniert werden. Ein Prozess zur Investorenansprache läuft, diesen begleitet die M&A-Beratung Centuros. Laut Brockdorff prüften drei Interessenten einen Einstieg im Detail. HZD Druckguss war 2020 als Auffanggesellschaft der in Schieflage geratenen HZD Havelländischen Zink-Druckguss gegründet worden. Wegen hoher Anlaufkosten war jedoch auch die Auffanggesellschaft nicht ausreichend finanziert, um das Geschäft dauerhaft fortführen zu können. 

Die Großbäckerei Stöhr-Brot, die in der Gruppe rund 290 Mitarbeiter beschäftigt, hat für die drei operativen Gesellschaften der Unternehmensgruppe jeweils wegen drohender Zahlungsunfähigkeit Insolvenzanträge gestellt. Vorläufiger Verwalter für die Ammerländer Großbäckerei, Stöhr-Brot Dinklage sowie SB Logistik ist jeweils Christian Kaufmann (Pluta). Als Grund für die wirtschaftlichen Schwierigkeiten gab das Unternehmen die hohen Preise für Roh- und Betriebsstoffe an. Die operativ nicht tätige Stöhr Brot Verwaltungs-GmbH ist von dem Antrag nicht betroffen. Die Unternehmensgruppe wird insolvenzrechtlich von Christoph Bode (Wirtschaftskanzlei Bode) beraten.

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Insolvenz

Welche Formen der Insolvenz gibt es? Welche Unternehmen sind betroffen? Die wichtigsten Praxistipps und aktuelle Fälle in der Übersicht.

Die ertragreichen Geschäftsbereiche des insolventen Unternehmens Kehag Energiehandel sollen über einen Insolvenzplan saniert werden. Dies betrifft den Bereich Power Purchase Agreement (PPA) sowie das Dienstleistungsgeschäft. Kehag durchläuft eine Insolvenz in Eigenverwaltung. Sachwalter ist Gerrit Hölzle (Görg), als Sanierungsgeschäftsführer sind Christian Kaufmann (Pluta) und Raik Müller (Rödl) tätig. Die Sanierer rechnen mit mehreren tausend Gläubigern, die Forderungen anmelden werden.

Der Kranhersteller Kocks Ardelt Kranbau hat Insolvenzantrag gestellt. Grund dafür seien Lieferkettenprobleme und der Preisanstieg bei Rohstoffen. Vorläufiger Insolvenzverwalter ist Christian Graf Brockdorff (Kanzlei BBL Brockdorff). Das Unternehmen beschäftigt an drei Standorten rund 250 Mitarbeiter. Die Banken hätten in ersten Gesprächen Unterstützungsbereitschaft signalisiert, teilte der Verwalter mit. Geprüft werden nun der mögliche Einstieg eines Investors oder eine Sanierung über einen Insolvenzplan.

Das Amtsgericht Bielefeld hat das Insolvenzverfahren über den Werkzeugbauer Steinkamp eröffnet und Stefan Meyer (Pluta) zum Insolvenzverwalter bestellt. Der Investorenprozess für den Betrieb mit derzeit 110 Mitarbeitern läuft Meyer zufolge „positiv“. Die geschäftliche Entwicklung habe sich zwischenzeitlich stabilisiert.

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Restrukturierung

Sparprogramme, Verlagerungen, Bilanzsanierung: Kaum ein Unternehmen kommt über die Jahre ohne eine Restrukturierung aus. Für Sanierungsberater ist das ein gutes Geschäft.

Das Produktentwicklungs-, Initiativ- und Lehrzentrum Pilz durchläuft eine Insolvenz in Eigenverwaltung. Sachwalter ist Enrico Schwartz (Schwartz Consulting). Stefan Ettelt (Kulitzscher und Ettelt) begleitet die Geschäftsführung als Generalbevollmächtigter in insolvenzrechtlichen Themen, das Controlling und die Liquiditätsplanung verantwortet Ronny Baar (ABG Consulting-Partner). Pilz betreibt Lohnfertigung verschiedener Güter in den Bereichen Maschinenbau, Automotive und erneuerbare Energie und ist in der Aus- und Weiterbildung aktiv. Durch Projektverschiebungen und hohe Krankenstände war der Betrieb in der Lausitz während der Corona-Pandemie in Schieflage geraten, hinzu kamen zuletzt Preisanstiege bei Rohstoffen.

Die Thüringer Manikürwaren befinden sich im vorläufigen Insolvenzverfahren, als Verwalter wurde André Rombach (Rombach Rechtsanwälte) bestellt. Als Gründe für die Insolvenz nennt das Unternehmen die gestiegenen Rohstoff- und Energiekosten. Das Unternehmen war ursprünglich auf die Werkzeugherstellung spezialisiert und fertigt heute Manikürwaren und Werkzeuge.

Distressed M&A-Deals

Der Geschäftsbetrieb des Logistikers Reimler Logistics geht im Zuge eines Asset Deals an Shot Logistics über. Reimer hatte im Oktober Insolvenzantrag gestellt, Verwalter war Christian M. Scholz (Turner Jarchow Müller Scholz). Den M&A-Prozess begleitete das Beratungshaus Centuros.

Der insolvente Yachtausrüster Okugi Liftsystems wird im Zuge einer übertragenden Sanierung von einer Investorengruppe um die Bremer Unternehmer Eric Schädler und Robert-Jan Stüssel übernommen. Insolvenzverwalter war Hans-Joachim Berner (Willmer Köster). Die Produktion in Bremen wird fortgeführt.

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Distressed M&A

Die Coronakrise bringt einen Boom an Distressed M&A-Deals. Die wichtigsten Besonderheiten bei den Transaktionen und aktuelle Fälle gibt es hier im Überblick.

Das Münchener Logistikunternehmen KLL geht nach der Insolvenz auf die neue Gesellschaft KLL Kompetente Lager- und Logistik über. Insolvenzverwalter war Marc-André Kuhne von der Kanzlei Dieckmann Kuhne Dr. Raith. Das Unternehmen hatte im September vergangenen Jahres Insolvenzantrag gestellt. Laut Insolvenzverwalter arbeitete der Betrieb im Kern rentabel, wesentliche Insolvenzursache seien Nachforderungen von Sozialversicherern gewesen. Diese seien durch Computerfehler bei der Beitragsmeldung ausgelöst worden.

Das Life-Science-Unternehmen Eppendorf Gruppe übernimmt in Wismar ein ehemaliges Produktionsgelände am Standort der MV Werften Fertigmodule Property. Dort soll ein Produktionsstandort für Hightech-Kunststoffmaterialien entstehen. Bei der Mitarbeitergewinnung sollen auch Fachkräfte aus der Transfergesellschaft der MV Werften einbezogen werden. Laut Insolvenzverwalter Christoph Morgen dauerte die Käufersuche rund sechs Wochen. Über den Kaufpreis wurde Stillschweigen vereinbart.

Beendete Insolvenz- und Sanierungsverfahren

Das vor rund einem Jahr beantragte Eigenverwaltungsverfahren der Dachziegelwerke Nelskamp ist gerichtlich aufgehoben worden, die Restrukturierung ist damit abgeschlossen. Zuvor hatten die Gläubiger dem Insolvenzplan bereits zugestimmt. Bundesweit bleiben fünf Werke und 540 der ehemals rund 600 Arbeitsplätze erhalten. Die Erstellung des Insolvenzplans hatte Dirk Andres (Andres Partner) begleitet, Sachwalter des Verfahrens war Frank Kebekus (Kebekus et Zimmermann). Im Rahmen der Eigenverwaltung haben die Unternehmensverantwortlichen mehrere Stellen gestrichen und das Werk in Schermbeck geschlossen.

Weitere Restrukturierungen und Branchennews

Das Berliner Beratungshaus Restrukturierungspartner (RSP) wird künftig Teil des Big-Four-Unternehmens Deloitte. Dort wird RSP im Financial Advisory andocken. Die drei geschäftsführenden RSP-Gesellschafter Burkhard Jung, Stefan Weniger und Robert Tobias sollen nach der Integration Partner bei Deloitte werden. RSP beschäftigt rund 30 Berater in Berlin, Hamburg, Düsseldorf, Frankfurt am Main und Stuttgart. Die Mitarbeiter sollen dort an die Deloitte-Standorte umziehen.

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Das Big-Four-Haus Deloitte übernimmt den Restrukturierungsspezialisten RSP. Foto: Deloitte

Deloitte übernimmt Restrukturierungsspezialisten RSP

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Deloitte übernimmt den Berliner Restrukturierungsspezialisten RSP. Damit will das Big-Four-Haus sein Financial Advisory stärken, was zuletzt stark an Umsatz eingebüßt hat.

Das Oberlandesgericht Hamm hat der Arcandor-Insolvenzmasse nach gut zwölf Jahren Prozessdauer mehr als 53 Millionen Euro zugesprochen, teilte Insolvenzverwalter Hans-Gerd Jauch (Jauch Dahl Linnenbrink) mit. Das Gericht hielt demnach Schadensersatzansprüche gegen sechs frühere Aufsichtsratsmitglieder für begründet. Die Ansprüche stehen im Zusammenhang mit Immobiliengeschäften, die finanziell nachteilig für Arcandor waren.

Nach der Insolvenz der Werft Pella Sietas im vergangenen Jahr werden deren bewegliche Assets online versteigert. Zum Verkauf stehen unter anderem Maschinen und Anlagen, Druckluftschrauber, Werkbänke sowie drei Schwimmdocks, das längste davon 180 Meter lang. Der Erlös der Versteigerung fließt in die Insolvenzmasse. Pella Sietas hatte Ende Juli Insolvenzantrag gestellt, die Investorensuche blieb erfolglos.

Die neuesten Restrukturierer-Personalien

Das Beratungshaus Kearney hat zwei neue Partner im Bereich Restrukturierung & Transformation in der DACH-Region an Bord geholt: Stefan Gödel, der von München und Wien aus arbeitet, war zuletzt als selbstständiger Managementberater tätig, zu seinen vorherigen Stationen zählen unter anderem Fidelium Partners und Alix Partners. Kunal Chadha war vor seinem Wechsel zu Kearney unter anderem als Vice President Strategy, Business Transformation & Digital bei Ceconomy. Er wird von Düsseldorf aus arbeiten.

sabine.reifenberger[at]finance-magazin.de    

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Sabine Reifenberger ist Chef vom Dienst der FINANCE-Redaktion. Ihre redaktionellen Themenschwerpunkte sind Restrukturierung, die Transformation der Finanzabteilung und Finanzierungsthemen. Seit 2012 moderiert sie beim Web-TV-Sender FINANCE-TV. Außerdem verantwortet sie den Themenhub FINANCE-Transformation, die Distressed Assets Konferenz und das FINANCE CFO Panel. Die Politologin volontierte bei einer Tageszeitung und schrieb während des Studiums als freie Journalistin unter anderem für das Handelsblatt und die Financial Times Deutschland.

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