Wird der Industrieriese ThyssenKrupp das nächste deutsche Unternehmen, das in Folge der Coronakrise Staatshilfe beantragt?

ThyssenKrupp

21.04.20
Wirtschaft

ThyssenKrupp erwägt Staatshilfe

Jetzt auch noch ThyssenKrupp? Der Industriekonzern lotet wegen der Coronakrise staatliche Finanzierungshilfen aus – und das, obwohl ihm durch den Aufzug-Deal Milliarden zufließen werden.

Nach Vapiano, Adidas und Tui nun auch ThyssenKrupp? Wie der Essener Industrieriese in einem Memo, das FINANCE vorliegt, mitteilt, lotet er wegen der herben Auswirkungen der Coronavirus-Krise staatliche Finanzierungshilfen aus.

„In welchem Umfang sich diese Krise und die finanziellen Folgen im Zeitablauf auf ThyssenKrupp auswirken werden, ist – wie für andere Unternehmen auch – aus heutiger Sicht noch nicht abschätzbar. Deshalb führen wir vorsorglich Gespräche und prüfen, ob und welche der von der öffentlichen Hand den Unternehmen angebotenen Finanzierungshilfen für ThyssenKrupp in Betracht kommen.“ Zuerst hatte die Nachrichtenagentur „Reuters“ darüber berichtet.

Ob ThyssenKrupp eher einen KfW-Kredit, ein staatlich garantiertes Darlehen oder gar eine zeitlich begrenzte Beteiligung des Bundes in Erwägung zieht, teilte das Unternehmen nicht mit. Im Mai will das ThyssenKrupp-Management um Vorstandschefin Martina Merz und den neuen CFO Klaus Keysberg – Finanzchef Johannes Dietsch war vor gut einem Monat von Bord gegangen – die neue Unternehmensstrategie vorstellen. Bis dahin dürften sich Art und Umfang der denkbaren Staatshilfen klarer abzeichnen.

ThyssenKrupp schreibt im ersten Quartal Verluste

Dass ThyssenKrupp dringend frisches Kapital benötigt, ist bekannt. Im ersten Quartal des laufenden Geschäftsjahres bis Ende Dezember erwirtschaftete der Konzern einen Umsatz von knapp 9,7 Milliarden Euro und damit etwa so viel wie im Vergleichszeitraum des Vorjahres.

Allerdings fuhren die Essener im ersten Quartal auch einen Verlust vor Zinsen und Steuern (Ebit) von 115 Millionen Euro ein nach einem Plus von 181 Millionen Euro im Vorjahresquartal.

Auch auf der Schulden- und Eigenkapitalseite sieht es alles andere als rosig aus: Zum 31. Dezember 2019 standen 7,1 Milliarden Euro Nettofinanzschulden zu Buche, 3,4 Milliarden mehr als im Jahr davor. Hinzu kommen noch Pensionslasten von 8,6 Milliarden Euro. Das Eigenkapital schrumpfte von 3,3 auf 1,9 Milliarden Euro.

Angesichts der coronabedingten Unabwägbarkeiten hat ThyssenKrupp bereits seine Ergebnisprognose für das laufende Geschäftsjahr zurückgezogen. Am meisten leiden die Autozulieferergeschäfte des Konzerns, aber auch in der Stahlsparte werden voraussichtlich Tausende Mitarbeiter in Kurzarbeit gehen, so die Nachrichtenagentur „Reuters“.

Staatshilfe wäre für ThyssenKrupp Übergangslösung

Dennoch überrascht es, dass ThyssenKrupp Staatshilfe auslotet, schließlich dürften dem Konzern in wenigen Monaten aus dem 17 Milliarden Euro schweren Verkauf der Aufzugsparte frische liquide Mittel in Milliardenhöhe zufließen. „Die Erwägung von staatlichen Finanzierungshilfen ist eine reine Vorsorgemaßnahme“, erklärte hierzu ein Unternehmenssprecher gegenüber FINANCE.

„Mit dem Elevator-Deal sind wir in einer relativ guten Position, weil wir verlässlich frisches Kapital hereinbekommen werden“, so der Sprecher weiter. Und man sei guter Dinge: Von 13 ausstehenden Freigaben hätten sechs Länder bereits ihre Genehmigung erteilt. Der M&A-Deal soll noch im Laufe des Geschäftsjahres von ThyssenKrupp, das am 30. September endet, abgeschlossen werden.

Das heißt aber auch: Bis die Gelder tatsächlich fließen, vergehen noch einige Monate. Eine Staatshilfe könnte ThyssenKrupp daher als Überbrückung nutzen, bis die Erlöse aus dem Verkauf der Aufzugsparte bei den Essenern ankommen.

olivia.harder[at]finance-magazin.de

Wie die Coronakrise die Corporate-Finance-Welt trifft, lesen Sie auf unserer Themenseite zum Coronavirus. Mehr zur Krise und Neuausrichtung der Stahl-Industrieikone erfahren Sie auf unserer Themenseite zu ThyssenKrupp.