Im freien Fall: Der Schuldscheinmarkt erholt sich auch im Jahr 2021 nicht.

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09.07.21
Finanzierungen

Schuldscheinmarkt erholt sich nicht vom Corona-Schock

Während sich der Anleihemarkt schon längst von Corona erholt hat, hinkt der Schuldscheinmarkt hinterher. Das erste Halbjahr lief schwach. Wer die größte Transaktion platzierte und welche Banken vorne liegen, zeigt das neue Schuldschein-Update.

Corona zieht den Schuldscheinmarkt runter – und das immer tiefer. Nach einem schwachen Jahresauftakt zapften auch im zweiten Quartal nur wenige Unternehmen den Markt an. Insgesamt sank das Emissionsvolumen im ersten Halbjahr gegenüber dem vergleichbaren Vorjahreszeitraum um 26 Prozent auf rund 6,97 Milliarden Euro. Das geht aus dem für FINANCE exklusiv vorbereiteten Schuldschein-Update des Datenanbieters Refnitiv hervor. Das Update können Sie hier nach einer kurzen Registrierung kostenlos herunterladen

Der Einbruch ist insofern besonders bitter, weil schon die erste Jahreshälfte 2020 sehr schwach ausfiel: Das Volumen sank damals auf 9,45 Milliarden Euro. Zum Vergleich: In den ersten sechs Monaten 2019 boomte der Schuldscheinmarkt mit neu ausgegebenen Papieren über 13 Milliarden Euro. Das Vorkrisenniveau ist also derzeit meilenweit entfernt. Die schlechte Entwicklung zeigt sich auch an der Dealanzahl: Im ersten Halbjahr gab es 53 Deals, von Januar bis Juni 2019 waren es immerhin fünf mehr. 

Anleihe läuft Schuldschein den Rang ab

Ein Grund für die maue Performance dürfte das erhöhte Preisniveau am Schuldscheinmarkt sein. „Für manche Emittenten ist der Schuldschein derzeit nicht das Mittel der Wahl, weil es für sie andere, attraktivere Finanzierungsmöglichkeiten gibt“, erklärt HSBC-Banker Ingo Nolden gegenüber FINANCE. Das beobachtet auch Hans Niethammer, Leiter des Bereichs Investment Grade Origination bei der Unicredit: „Besonders Unternehmen, die über ein Investmentgrade verfügen, können derzeit am Anleihemarkt äußerst attraktive Konditionen erzielen.“

Allerdings entscheiden sich auch Unternehmen im Cross-Over-Bereich derzeit lieber für die Emission von Anleihen – so wie etwa der der Automobilzulieferer ZF Friedrichshafen, der 2019 noch für Furore mit einem 2,1 Milliarden Euro schweren Schuldschein gesorgt hatte. ZF hat den Status Investmentgrade im vergangenen Jahr verloren und wird nun mit Ba1 (Moody‘) und BB- (S&P) eingestuft.  

„Das Pricing liegt für Schuldschein-Emittenten fast wieder auf dem Vor-Coronaniveau.“ Ausnahme seien Branchen, die besonders von der Krise betroffen sind und noch entsprechende Risikoprämien zahlen müssten. Einen weiteren Grund für die derzeitige Zurückhaltung sieht der Banker in der Vorsorge der Unternehmen. „Viele haben sich schon 2020 mit ausreichend Liquidität versorgt und haben derzeit keinen Finanzierungsbedarf.“

Schuldschein: Ausländische Investoren kommen zurück

Der bis vor Corona erfolgsverwöhnte Schuldscheinmarkt wird damit immer mehr in die Knie gezwungen. Erfreulich für den Markt ist dagegen, dass wieder mehr ausländische Unternehmen zurückkehren. So kommt der größte und zweitgrößte Schuldschein von einem ausländischen Emittenten. Den am Volumen gemessen größten Schuldschein im ersten Halbjahr platzierte im Februar mit 1 Milliarde Euro der österreichische Verpackungshersteller Mayr-MeInhof Karton. Den – wenn auch nur halb so großen – zweitgrößten Schuldschein verbuchte das französische Telekommunikationsunternehmen Iliad Ende Juni. 

Im vergangenen Jahr hatten sich die ausländischen Emittenten noch zurückgezogen. Laut einer Analyse der Beratungsgesellschaft Capmarcon fiel der Auslandsanteil am deutschen Schuldscheinmarkt von 42 auf 16 Prozent. Davon entfielen 7 Prozent des Volumens auf  Unternehmen außerhalb der DACH-Region. 

Traton war Spitzenreiter unter den Deutschen

Den größten Schuldschein eines deutschen Unternehmens platzierte im ersten Halbjahr die VW-Tochter Traton mit einem 425 Millionen Euro schweren Papier.  Der Lkw-Hersteller war zugleich ein Debütant an dem Markt. Nachdem Traton im März zunächst 275 Millionen Euro einsammelte, folgte im Juni der zweite Schuldschein mit 425 Millionen Euro. Auch der Automobilzulieferer Stabilus gehört zu den Neulingen. 

Vehement setzt sich auch der Trend ESG weiter durch. Nutzer dieses Trends ist das Immobilienunternehmen DIC Asset, das im ersten Halbjahr die zweite Tranche des 250 Millionen Euro schweren ESG-linked Schuldscheins platzierte. Warum sich CFO Sonja Wärntges für das grüne Instrument entschied, erklärte sie im FINANCE-Interview. Auch der Technologiekonzern Jenoptik wagte sich im Frühjahr mit einem ersten ESG-linked Schuldschein an den Markt. Insgesamt sammelte der Konzern 400 Millionen Euro ein. Für CFO Hans-Dieter Schumacher war es die erste nachhaltige Finanzierung überhaupt. 

Wird sich der Schuldscheinmarkt im zweiten Halbjahr erholen?

Unicredit stößt LBBW vom Thron

In dem schwachen Umfeld schlägt sich die Unicredit derzeit sehr gut: Laut den League Tables von Refinitiv sichert sich die Bank im ersten Halbjahr den größten Marktanteil mit rund 19,8 Prozent. Damit konnte die Unicredit ihren Erfolg aus dem ersten Quartal, als sie den früheren Dauer-Spitzenreiter LBBW vom Thron stieß, sogar noch ausbauen: Damals hatte der Marktanteil der Italiener bei 16 Prozent gelegen.

Die LBBW kommt im ersten Halbjahr dagegen „nur“ noch auf einen Marktanteil von rund 13 Prozent. Das Bankhaus hat aber weiterhin im Mittelstand die Nase vorne: Mit rund 294 Millionen Euro anteiligem Volumen sicherte sich die LBBW die Spitzenposition in der Mittelstandsschuldschein-Rangliste. Zum von Refinitiv definierten Mittelstand zählen Unternehmen aus Deutschland, Österreich oder der Schweiz mit einem Umsatzvolumen von weniger als 1,5 Milliarden Euro pro Jahr.

Gemessen an der Dealanzahl liegt die Helaba mit 16 vorne, beim Marktanteil schafft sie es mit 11,5 Prozent nur auf den dritten Platz. Sie war unter anderem am zweitgrößten Deal mit dem französischen Unternehmen Iliad beteiligt. Im Mittelstand belegt die Helaba Platz zwei. Welche Veränderungen es auf den folgenden Plätzen gegeben hat, können Sie im FINANCE-Schuldschein-Update nachlesen.

Wie geht’s am Schuldscheinmarkt weiter?

Auch wenn der Markt im zweiten Quartal nochmal gefallen ist, erwartet Niethammer von der Unicredit eine Erholung. „Wir prognostizieren ein stabiles zweites Halbjahr und schätzen, dass das Volumen am Jahresende bei etwa 18 Milliarden Euro liegen wird.“ Grund dafür sei, dass gerade in der zweiten Jahreshälfte viele Unternehmen schon vorgezogene Refinanzierungsmaßnahmen angehen sowie eine weiterhin hohe Anzahl internationaler Emittenten.

sarah.backhaus[at]finance-magazin.de

Die größten Deals, die aktivsten Banken: Alle wichtigen Infos auf einen Blick im FINANCE-Schuldschein-Update, das hier kostenlos verfügbar ist. Die Daten werden von Refinitiv, früher Thomson Reuters LPC, exklusiv für FINANCE zusammengestellt.