Die Hotelkette Maritim steht durch die Coronakrise vor einer harten Restrukturierung und sieht sich zu Notverkäufen gezwungen.

Maritim

22.04.21
Wirtschaft

Restrukturierungsnews: Maritim, Wirecard, Klier

Die Hotelkette Maritim muss Notverkäufe tätigen, Wirecards Insolvenzverwalter verkauft weitere Tochterfirmen, und die Friseurkette Klier steht vor dem Neustart: Die aktuellen Restrukturierungsnews im FINANCE-Überblick.

Maritim muss Hotels verkaufen

Die Hotelkette Maritim muss aufgrund der Pandemie einen Teil ihrer Standorte verkaufen. Die Corona-Pandemie habe zu einem Liquiditätsverlust von 140 Millionen Euro geführt, teilte das Familienunternehmen mit. Die Verkäufe sollen das Überleben der Kette sichern. Welche Standorte betroffen sind, wurde zunächst nicht bekannt. Das Unternehmen mit Hauptsitz in Nordrhein-Westfalen beschäftigt weltweit 5.000 Mitarbeiter in 40 Hotels, in Deutschland arbeiten 3.000 Personen an 29 Standorten.

Rund 2.000 Mitarbeiter hat die Hotelkette Berichten zufolge bereits verloren, weil Verträge nicht verlängert werden konnten oder Mitarbeiter in Kurzarbeit sich andere Beschäftigungen gesucht haben. Staatshilfen hat das Unternehmen nach eigenen Angaben kaum erhalten, es seien lediglich 2 Millionen Euro ausgezahlt worden.

Weitere Wirecard-Töchter verkauft

Weitere Tochtergesellschaften der insolventen Wirecard haben neue Besitzer gefunden: Insolvenzverwalter Michael Jaffé hat in einem internationalen Bieterverfahren mehrere Unternehmen im Asien-Pazifik-Raum verkauft. Wirecard e-Money Philippines, Wirecard Payment Solutions Malaysia, Wirecard (Thailand) Co. und Wirecard Payment Solutions Hong Kong gehen an eine Beteiligungsgesellschaft der britisch-niederländischen Technologieinvestmentgesellschaft Finch Capital. Zudem übernimmt Finch Capital die Assets und Lizenzen des Datawarehouse der Wirecard Asia Holding und von Wirecard Singapore. Mindestens 110 Arbeitsplätze sollen an den verschiedenen Standorten in Asien erhalten bleiben.

Finch Capital hatte zuvor bereits die türkische Tochter Wirecard Ödeme Ve Elektronik Para Hizmetleri übernommen. Der Gläubigerausschuss hat den Transaktionen zugestimmt, die lokalen Aufsichtsbehörden müssen noch grünes Licht geben. Die Tochter PT Wirecard Technologies Indonesia mit rund 360 Mitarbeitern hat unterdessen in der Technologie-Holding einer indonesischen Unternehmensgruppe neue Besitzer gefunden.

Klier-Gläubiger stimmen Insolvenzplan zu

Die Gläubigerversammlung der Friseurkette Klier Hair Group hat dem Insolvenzplan laut Unternehmen „mit großer Mehrheit“ zugestimmt. Das im September eingeleitete Schutzschirmverfahren kann Klier damit voraussichtlich Ende dieses Monats beenden. Details des Plans wurden nicht bekannt. Sachwalter des Verfahrens war Silvio Höfer (Anchor Rechtsanwälte), als CRO begleitete Detlef Specovius (Schultze & Braun) das Unternehmen durch die Restrukturierung. Ein Team von Noerr (Federführung Thomas Hoffmann) hat die Gesellschafter der Klier Hair Group beraten.

In den vergangenen Monaten hat Klier für mehrere Standorte die Mieten nachverhandelt und unprofitable Geschäfte geschlossen. Insgesamt sollen 850 Verkaufsstellen mit 6.400 Mitarbeitern erhalten bleiben. Bei Einleitung des Verfahrens zählte Klier noch 1.400 Salons und Shops in Deutschland mit 9.200 Mitarbeitern. 

Weitere Insolvenz- und Sanierungsverfahren

Die Südthüringer Tiefbau- und Montagegesellschaft STM ist seit Mitte April im vorläufigen Insolvenzverfahren. Vorläufiger Insolvenzverwalter ist Rolf Rombach (Rombach Rechtsanwälte). Die Sicherung der Löhne über Insolvenzausfallgeld bezeichnete Rombach als seine derzeit „vordringlichste Aufgabe“. Der Betrieb soll vorerst weitergeführt werden.

Die auf Luxusyachten spezialisierte Werft Nobiskrug hat Insolvenzantrag gestellt. Auftragsstornierungen und eine ungewisse Zukunft hätten diesen Schritt unvermeidlich gemacht. Vorläufiger Insolvenzverwalter ist Hendrik Gittermann (Reimer Rechtsanwälte). Nobiskrug ist Teil der internationalen Schiffsbaugruppe Privinvest, zu der auch die Werften German Naval Yards Kiel sowie die Lindenau-Werft in Kiel gehören. Beide Schiffsbaubetriebe sind von der Nobiskrug-Insolvenz nicht betroffen. Die Werft hat mehr als 750 Schiffe ausgeliefert, darunter auch die mit knapp 143 Metern Länge größte Segelyacht der Welt. 

In dem seit Januar laufenden Schutzschirmverfahren des Feinkosthändlers Gepp’s ist der Insolvenzplan bei Gericht eingereicht worden. Die Gläubiger stimmen nun darüber ab. Als Sanierungsgeschäftsführer ist Simon Leupold (ABG Consulting-Partner) an Bord, als Generalbevollmächtigter begleitet Stefan Ettelt von der Kanzlei Kulitzscher & Ettelt die Geschäftsleitung. Sachwalter ist Matthias Hofmann (Pohlmann Hofmann).

Das Insolvenzverfahren über das Unternehmen Waldnieler Fruchtsaft ist eröffnet, Insolvenzverwalter ist Uwe Paul von der Kanzlei Pluta. Paul zufolge haben erste Investoren bereits Interesse an einer Übernahme des Saftproduzenten bekundet. Bis Anfang Juni soll die Entscheidung fallen, wie es mit dem Betrieb weitergeht. 

Der auf Imbisswagen spezialisierte Fahrzeugbauer Seico Mobile Geschäfte will sich über eine Insolvenz in Eigenverwaltung sanieren. Rouven Quick (BBL) und Hagen Biermann (Kanzlei Trentmann) begleiten das Unternehmen als Generalbevollmächtigte. Vorläufiger Sachwalter ist Sebastian Ludolfs (Kanzlei Ludolfs). Die Unternehmensberatung Comes begleitet das Verfahren kaufmännisch. 

Das Unternehmen Martin Kirschner, das auf den Betrieb von Flughafenshops spezialisiert ist, hat Insolvenzantrag gestellt. Dirk Obermüller (dhpg) ist zum vorläufigen Insolvenzverwalter bestellt worden. Das Unternehmen betreibt an den Flughäfen Düsseldorf und Köln/Bonn Verkaufsflächen für Presse, Textil und Elektronik und führt Textileinzelhandelsgeschäfte in mehreren Städten. Aufgrund der Pandemie war der Umsatz zuletzt massiv eingebrochen. In den kommenden Wochen sollen Sanierungsansätze ausgelotet werden.

Distressed M&A-Deals

Das Sauna-Unternehmen Finnjark wird Teil der Klafs-Gruppe, des größten Saunaproduzenten in Deutschland. Laut Insolvenzverwalter Malte Köster (Kanzlei WillmerKöster) wurde der Kaufvertrag bereits unterzeichnet, über finanzielle Details haben die Beteiligten Stillschweigen vereinbart. Alle Mitarbeiter sollen übernommen werden. Finnjark war aufgrund rückläufiger Auftragseingänge insbesondere aus der Kreuzfahrtbranche in Schieflage geraten.

Bei der Sanierung des Personaldienstleisters Brillant, der im März ein Insolvenzverfahren beantragt hat, zeichnet sich eine Investorenlösung ab. Der Personaldienstleister Tempton Gruppe mit Hauptsitz in Essen will die operativen Gesellschaften der Brillant Gruppe übernehmen. Der vorläufige Gläubigerausschuss hat der geplanten Übernahme, die im Juni abgeschlossen werden soll, bereits zugestimmt. Die Vereinbarung umfasst die Unternehmen Mondi, Mondi Personalservice sowie WFD, insgesamt würden 2.000 Mitarbeiter aus den operativen Einheiten wechseln. Über den Kaufpreis wurde Stillschweigen vereinbart. Vorläufiger Insolvenzverwalter von Brillant ist Christian Willmer (Kanzlei WillmerKöster), den M&A-Prozess begleitet Falkensteg.

Im Rahmen eines Asset Deals geht die Papierfabrik Schleipen zum 1. Mai an Lenk Paper über. Schleipen war zuvor Teil des Unternehmens Cordier Spezialpapier, deren zweiter Geschäftsbereich für technische Papiere bereits im vergangenen Jahr aus der Insolvenz in Eigenverwaltung heraus an die Dynos Gruppe verkauft worden war. Bei Lenk sollen fast alle Arbeitsplätze erhalten bleiben. Generalbevollmächtigte des Verfahrens waren Justus von Buchwaldt und Rouven Quick (beide Kanzlei BBL). Als Sachwalter fungierte Thomas Rittmeister von der Kanzlei Reimer Rechtsanwälte. Die M&A-Beratung Centuros hat die Investorensuche begleitet.

Rückwirkend zum 1. April übernimmt Con-Pearl das Recyclingunternehmen Recyplast aus der Insolvenz. Con-Pearl ist Teil der Münchener Beteiligungsgesellschaft Blue Cap. Bei Recyplast bleiben alle Arbeitsplätze erhalten. Das Unternehmen ist der erste Teil der Recycling-Gruppe Fischer, der einen neuen Besitzer gefunden hat. Insolvenzverwalter der Fischer-Gruppe ist Dirk Pehl (Schultze & Braun). Der Betrieb des Unternehmens Fischer Rohstoffe wurde eingestellt, die Geschäftstätigkeit war laut Insolvenzverwalter bereits vor dem Insolvenzantrag zum Erliegen gekommen. Für die Unternehmen Fischer Cyclepor Deutschland sowie Romplast PE-Regenerat läuft die Investorensuche.

Beendete Insolvenz- und Sanierungsverfahren

Die Fluggesellschaft Sundair steht vor dem Abschluss ihres Sanierungsverfahrens. Die Gläubiger haben dem Sanierungsplan zugestimmt. Das Unternehmen hatte Ende Oktober ein Schutzschirmverfahren beantragt. Seitdem hat Sundair Vereinbarungen mit seinen Leasinggebern nachverhandelt und die Flotte von sieben auf sechs Flieger verkleinert. Sachwalter des Verfahrens war Lucas Flöther (Kanzlei Flöther & Wissing). Thomas Mulansky (Kanzlei Mulansky + Kollegen) und Robert Tobias von der Sanierungsberatung Restrukturierungspartner begleiteten das Unternehmen bei der Neuausrichtung.

Der Einzelhändler Aktiv-Schuh wird seine Insolvenz in Eigenverwaltung nach rund einem Dreivierteljahr abschließen können. Die Gläubiger haben dem Sanierungsplan des Unternehmens zugestimmt. Der Einzelhändler umfasste im vergangenen Herbst nach eigenen Angaben noch 51 Filialen, nach Abschluss der Sanierung werden es noch rund 40 sein. Gerrit Heublein (Kanzlei Heublein Müller) hat das Unternehmen als Generalbevollmächtigter begleitet. Sachwalter war Torsten Martini von der Kanzlei Leonhardt Rattunde.

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Das Insolvenzverfahren des Modeeinzelhändlers Pimkie ist aufgehoben worden. Nach der Restrukturierung bleiben in Deutschland gut 40 der vormals 73 Filialen erhalten. Dem Unternehmen zufolge haben die Vermieter an diesen Standorten „bedeutende Sanierungsbeiträge“ geleistet. Nähere finanzielle Details der Neuausrichtung wurden nicht bekannt. Sachwalter des im September eingeleiteten Eigenverwaltungsverfahrens war Felix Höpker (White & Case). Generalbevollmächtiger war Kilian Haus (Kanzlei Buchalik Brömmekamp), zudem beriet Katrin Schröder (Osborne Clarke) zum Restrukturierungskonzept.

Weitere Restrukturierungen und Branchennews

Die Gläubiger des insolventen Werkzeugherstellers Joh. Friedrich Behrens können auf eine Insolvenzquote von 40 bis 65 Prozent hoffen. Das teilte das Unternehmen mit. Dem Verkauf des operativen Geschäftsbetriebs an Greatstar Europe, eine Tochter des chinesischen Industriekonzerns, hat der Gläubigerkonzern zugestimmt. Wie hoch die Quote genau ausfällt, hängt vom erfolgreichen Vollzug des Verkaufs, dem von der weiteren Geschäftsentwicklung abhängigen finalen Kaufpreis sowie von der Realisierung von Forderungen und Sonderaktiva ab. Eine erste Vorabausschüttung an die Gläubiger soll es Ende 2021 geben.

Über ein Freiwilligenprogramm will die Commerzbank ihre Restrukturierung vorantreiben und bis zum Ende dieses Jahres 1.700 Vollzeitstellen im Inland abbauen. Voraussichtlich von Juli an will die Bank teilnahmeberechtigten Mitarbeitern Aufhebungsvereinbarungen anbieten. Welche Voraussetzungen dafür erfüllt sein müssen, teilte die Commerzbank zunächst nicht mit. Wer das Angebot annimmt, soll das Haus zum Jahresende verlassen. Für das erste Quartal 2021 bilanziert die Commerzbank rund 470 Millionen Euro an Restrukturierungsaufwendungen, der Großteil davon entfällt auf das Freiwilligenprogramm. 

Der österreichische MAN-Standort in Steyr steht dem Konzern zufolge vor der Schließung. In einer Urabstimmung hatten die mehr als 2.300 Mitarbeiter der MAN Truck & Bus Österreich sich zuvor gegen ein Konzept des Investors und früheren Magna-Managers Siegfried Wolf zur Weiterführung des Werks ausgesprochen. Dem Konzern zufolge hätte dieses Konzept die Rettung „eines großen Teils“ der Stellen vorgesehen. MAN will nun die Pläne zur Schließung des Werks wiederaufnehmen und den Sozialplan neu verhandeln. Der aktuelle Stand war an die Übernahme geknüpft. Mehr als 90 Prozent der Mitarbeiter hatten sich an der Abstimmung beteiligt, rund 64 Prozent lehnten die Übernahme ab.

Die neuesten Restrukturierer-Personalien

Oskar von Kretschmann hat zu Monatsbeginn die Position als Head of Loan Trading bei Morgan Stanley übernommen. Er wechselt von der HSBC. Von Kretschmann war in der Vergangenheit unter anderem rund 16 Jahre für die Deutsche Bank tätig, zuletzt als Head of High Yield and Distressed Debt Sales in Deutschland und Österreich. Seit Januar 2015 arbeitete er für die HSBC in Frankfurt, wo er zuletzt die Position als European Head Illiquid and Distressed Sourcing innehatte. Ob von Kretschmanns Position bei der HSBC nachbesetzt wird, konnte die Bank auf FINANCE-Nachfrage zunächst nicht beantworten.

Jan-Hendrik Többe und Ulf Rieckhoff sind als Partner in den Restrukturierungsbereich von Roland Berger eingetreten. Többe war nach einer Station bei PwC schon einmal für das Beratungshaus tätig, bevor er 2013 auf die Unternehmensseite zur Zeaborn Group wechselte. Rieckhoff war zuletzt für den Telefonanbieter Veon tätig, zu seinen weiteren Stationen zählen Accenture und Goetzpartners. 

Die Fachanwälte für Insolvenzrecht Georg Heidemann und Markus Küthe haben in Düsseldorf eine auf Restrukturierungs- und Turnaround-Management spezialisierte Kanzlei gegründet. Beide waren zuletzt Partner der Sozietät Stellmach & Bröckers. Als Associate wechselt Marcus Spangenberger zur neuen Sozietät Heidemann Küthe.

sabine.reifenberger[at]finance-magazin.de   

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