Der Modehändler Adler muss Insolvenz anmelden. Am Ende ging es plötzlich ganz schnell.

Adler

11.01.21
Wirtschaft

Warum der Modehändler Adler pleiteging

Der Modehändler Adler geht in die selbstverwaltete Insolvenz, da er die Folgen der Corona-Pandemie nicht mehr abfedern kann. Dabei sah die finanzielle Lage vor Kurzem noch hoffnungsvoll aus.

Der Modehändler Adler ist pleite. Wie das Unternehmen aus Haibach bei Aschaffenburg mitteilt, habe man beschlossen, Antrag auf Eröffnung eines Insolvenzverfahrens in Eigenverwaltung zu stellen. Die Antragstellung erfolgte nach den seit 1. Januar 2021 geltenden, strengeren Anforderungen an die Eigenverwaltung durch das Sanierungs- und Insolvenzrechtsfortentwicklungsgesetz. Ausländische Tochtergesellschaften seien nicht betroffen.

Grund für den Insolvenzantrag sind offenbar die Maßnahmen der Bundesregierung zur Eindämmung der Coronavirus-Pandemie. Seit Mitte Dezember muss ein großer Teil des deutschen Einzelhandels seine Geschäfte schließen, so auch Adler. 169 der laut Unternehmensangaben 171 Filialen haben ihre Tore geschlossen. Infolge der Insolvenzmeldung stürzte die Aktie am Montagvormittag zwischenzeitlich um 70 Prozent von 2,50 Euro auf 50 Cent ab.

Trotz intensiver Bemühungen sei es dem Konzern zufolge nicht möglich gewesen, die aufgrund der Corona-bedingten Umsatzeinbrüche entstandene Liquiditätslücke über eine Kapitalzufuhr durch staatliche Unterstützungsfonds beziehungsweise durch Investoren zu schließen, heißt es.

Präventive Sanierung wohl keine Option für Adler

Zur Unterstützung bei den nun anstehenden Maßnahmen hat der Adler-Vorstand Rechtsanwalt Christian Gerloff zum Generalbevollmächtigten der Gesellschaft bestellt. Gerloff ist ein auf den textilen Einzelhandel spezialisierter Experte für Restrukturierungs- und Insolvenzfälle, der beispielsweise auch schon bei Gerry Weber oder Escada eingesetzt wurde. „Wir werden alles dafür tun, den Geschäftsbetrieb aufrecht zu erhalten und Adler schnellstmöglich zu sanieren und wieder in eine positive Zukunft zu führen", kommentiert Konzern-Chef Thomas Freude die Insolvenzmeldung.

Adler ist nun ein erstes prominentes Unternehmen, das einen Insolvenzantrag stellt, nachdem die Aussetzung der Insolvenzantragspflicht für überschuldete Unternehmen Ende 2020 ausgelaufen ist. Seit Januar gibt es für Konzerne zudem eine weitere Option: die präventive Sanierung. Hierbei handelt es sich um ein Restrukturierungsverfahren, das noch vor der Insolvenz ansetzt.

Doch hier hat der Gesetzgeber im letzten Moment mit der Option zur Vertragsbeendigung einen wichtigen Punkt noch gekippt. Filialisten wie Adler hilft das Verfahren damit nur bedingt weiter. Eine für tiefgreifende Restrukturierungen notwendige Kündigung von Mietverträgen beispielsweise ist in der präventiven Sanierung nicht möglich. Diese Änderung auf den letzten Metern war durchaus umstritten, denn gerade für den von Corona schwer getroffenen Einzelhandel wird das Instrument der präventiven Sanierung dadurch weniger attraktiv. Auch dürfen in der präventiven Sanierung keine Eingriffe in Arbeitnehmerrechte vorgenommen werden, Entlassungen wären damit beispielsweise nur im Konsens möglich.

Adler braucht Netto-Liquidität auf

Nun will sich Adler in Eigenverwaltung sanieren. Wie rasant die Covid-19-Pandemie die finanziellen Ressourcen des Unternehmens aufgebraucht hat, machen die Zahlen deutlich. Adler selbst bezeichnet seine Vorkrisen-Bilanzqualität als „solide“. In einer ersten Stellungnahme zeigen sich auch die Analysten von Warburg überrascht, dass die Lage so schnell gekippt ist, da sie die Liquiditätslage nicht als derart angespannt gesehen haben.

Ende 2019 hatte das Unternehmen noch eine Rekord-Netto-Liquidität von etwas mehr als 70 Millionen Euro ausgewiesen. Doch in den ersten neun Monaten 2020 gingen die Umsätze von Adler Corona-bedingt von 354 Millionen im Vorjahreszeitraum auf 239 Millionen Euro zurück. Der Verlust vor Zinsen und Steuern (Ebit) betrug im gleichen Zeitraum satte 58,6 Millionen Euro. Besonders die ersten Monate des Jahres haben die Zahlen gedrückt – im dritten Quartal hingegen hatte sich ein „spürbarer Erholungstrend“ eingestellt, so das Unternehmen.

Noch Ende September 2020 lag die Netto-Cash-Position bei 24,8 Millionen Euro – allerdings nur, weil Adler sich in der Zwischenzeit zusätzliche Kreditlinien über 69 Millionen Euro sichern konnte, die zum Großteil nicht gezogen waren. Der Konsortialkredit basiert auf einer Bürgschaft der Landesregierungen Bayerns und Nordrhein-Westfalens und wird von Adlers Kernbanken gewährt. Das Eigenkapital des Konzerns war zum damaligen Zeitpunkt im Mai fast komplett aufgezehrt. Zum dritten Quartal 2020 lag es bei 3,2 Millionen Euro.

Adler hatte hoffnungsvolle Strategie angekündigt

Das Adler-Management um CEO Thomas Freude und CFO Karsten Odemann hatte mit einer Reihe von weiteren Maßnahmen versucht, das Unternehmen zu stabilisieren. So konnten die Materialkosten um fast zwei Drittel auf 38,6 Millionen Euro gedrückt werden, auch die Personalausgaben sanken – unter anderem durch Kurzarbeit – um 21 Prozent auf 59 Millionen Euro.

FINANCE-Köpfe

Karsten Odemann, Adler Modemärkte AG

1991 steigt Karsten Odemann als Berater in die Sindelfinger Consultingfirma Baumgartner und Partner Unternehmensberatung ein, wo er sich auf die Managementberatung für die Bereiche Markt und Strategie bei Investitionsgütern konzentriert. 1995 wechselt Odemann als Interim-Manager zu dem Elektronikhersteller Richard Hirschmann in Neckartenzlingen bei Stuttgart, wo er 1996 zum Kaufmännischen Geschäftsführer (CFO) aufsteigt.

Im Jahr 2000 wechselt Odemann als Vorstand Finanzen, Controlling, Einkauf und Konzernverwaltung zu Vogt electronic, von 2004 bis 2009 ist Odemann Finanzvorstand des Autovermieters Sixt. Im Dezember 2011 schließlich wird Odemann zum Vorstand und Arbeitsdirektor der Adler Modemärkte in Haibach berufen und ist dort zuständig für die Bereiche Finanzen, Controlling, Personal, IT und Recht.

 

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Im Oktober hatte Adler zudem noch eine neue Strategie verkündet, mit der man wieder deutlich wachsen wollte, um bis spätestens 2023 das alte Ertragsniveau wieder zu erreichen. Ziel sei es, die Online-Umsätze von zuletzt 10 Millionen Euro jährlich zu versechsfachen. Zudem wollten die Bayern ihr Filialnetz ausbauen. 

Deutsche Modehändler in der Krise

Doch die Maßnahmen konnten die Insolvenz nicht abwenden. Denn neben Corona muss Adler noch weitere Herausforderungen meistern. Laut einer aktuellen Analyse der Unternehmensberatung PwC steht die deutsche Modebranche vor einer harten Selektion. Bekannte Häuser wie Gerry Weber, Escada oder Strenesse mussten bereits Insolvenz anmelden. Takko und Tom Tailor stecken tief in der Krise. Die Coronapandemie tut ihr Übriges.

Hiesigen Modehändlern macht etwa zu schaffen, dass sie den Trend zum Onlinehandel größtenteils verschlafen haben, was speziell in der Coronakrise ein schmerzliches Versäumnis darstellt. Zudem ist die Konkurrenz aus dem Ausland um die spanische Zara-Mutter Inditex und die schwedische H&M-Kette übermächtig.

jakob.eich[at]finance-magazin.de 

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Die Details zur Vita des Adler-CFO Karsten Odemann können Sie in seinem FINANCE-Köpfe-Profil nachlesen.