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BDO, Rödl, EY: Verwerfungen im Prüfermarkt

PwC bleibt die Nummer 1 in Deutschland – doch im Verfolgerfeld gibt es einige Umbrüche.
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Deutschlands Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaften haben ein äußerst herausforderndes Jahr hinter sich. Nicht nur hat Corona den Alltag in Prüfung und Beratung umgekrempelt und zu Einbußen im Consulting-Geschäft geführt. Auch hat der Wirecard-Skandal für viel Verunsicherung und Veränderung im Markt gesorgt.

Diese beiden Einschnitte gepaart mit Strategieanpassungen der WP-Gesellschaften haben erstmals seit langem wieder für größere Umwälzungen im deutschen Wirtschaftsprüfermarkt gesorgt, zeigt das Umsatz-Ranking der 25 größten WP-Häuser in Deutschland, das der Marktforscher Lünendonk & Hossenfelder am gestrigen Montag veröffentlicht hat.

Auf den ersten vier Plätzen hat sich in der „Lünendonk-Liste“ zunächst noch nichts verändert: Gemessen am Umsatz ist PwC mit 2,4 Milliarden Euro (plus 4,6 Prozent) der klare Marktführer, gefolgt von EY mit 2,2 Milliarden Euro (plus 2 Prozent) und KPMG mit 1,9 Milliarden Euro (plus 4,9 Prozent). Immer noch auf Platz 4, aber keineswegs mehr so weit abgeschlagen wie früher, liegt Deloitte mit einem Umsatz von 1,7 Milliarden Euro (plus 3,4 Prozent).

BDO ist wieder Nummer 5 in Deutschland

Viel Veränderung hat es hingegen bei den sogenannten Next Six gegeben, den sechs größten WP-Gesellschaften nach den Big Four. Das Verfolgerfeld wurde in der Vergangenheit als „Next Ten“ bezeichnet, beinhaltet jetzt aber nur noch jene Gesellschaften, die über 100 Millionen Euro umsetzen. Damit fallen RSM, ETL, PKF Fasselt Schlage und Dornbach raus, weil ihr Umsatz noch unter dieser Marke liegt.

Im Verfolgerfeld der Big Four hat sich BDO wieder von Platz 6 auf den fünften Platz hochgekämpft: Das mittelständische Prüf- und Beratungshaus hat im Umsatz um deutliche 8,6 Prozent auf 285 Millionen Euro zugelegt. 

Verdrängt hat BDO die bisherige Nummer 5 Rödl & Partner aber nicht auf Rang 6, sondern auf Platz 7, denn Ebner Stolz ist an Rödl vorbeigezogen. Ebner Stolz ist mit 10,3 Prozent ebenfalls stark gewachsen und setzt nun rund 279 Millionen Euro um. Rödl steigerte sich nur um 2 Prozent auf rund 269 Millionen Euro. Dies war zu wenig, um das Abrutschen um gleich zwei Plätze zu verhindern.

Aufgestiegen von Platz 9 auf Platz 8 ist hingegen Mazars, die mit einem Wachstum von 15,1 Prozent auf knapp 182 Millionen Euro an Baker Tilly vorbeizogen. Der Umsatz von Baker Tilly stagnierte faktisch bei rund 165 Millionen Euro. Warth & Klein Grant Thornton ist mit 7,6 Prozent im Corona-Jahr recht stark gewachsen und hat mit einem Umsatz von rund 147 Millionen Euro seine Position als Nummer 10 in Deutschland verteidigt. 

RSM wächst 2020 stark

RSM, die zuletzt in den Angriffsmodus geschaltet haben und wieder in die Top 10 aufsteigen wollen, ist 2020 mit 14,9 Prozent ebenfalls stark gewachsen, befindet sich mit einem Umsatz von 89,5 Millionen Euro aber noch ein gutes Stück von Warth & Klein entfernt. Der Herausforderer müsste seinen Umsatz in etwa verdoppeln, um zu den Next Six aufzuschließen.

Während die Big Four 2020 im Schnitt nur um 2,6 Prozent gewachsen sind, liegt die durchschnittliche Zuwachsrate der 25 größten WP-Gesellschaften Deutschlands bei 5,3 Prozent. Das ist unter Vorjahr, aber trotzdem ein solides Ergebnis, hatte man in der Branche mit Beginn der Coronakrise doch deutlichere Einbrüche befürchtet.

„Das Coronajahr 2020 hat vor allem das Advisory-Geschäft der Prüfer beeinträchtigt“, analysiert Jörg Hossenfelder, geschäftsführender Gesellschafter von Lünendonk & Hossenfelder. Im Gegenzug erlebten Dienstleistungen rund um Risikobewertungen, Fördergelder oder Kurzarbeit eine Sonderkonjunktur.

Stehen EY Umsatzeinbrüche bevor?

Während sich in den Zahlen die Folgen von Corona bereits widerspiegeln, dürften sich die Konsequenzen aus dem Wirecard-Skandal erst in den kommenden Jahren niederschlagen. Direkt davon betroffen ist Wirecards Prüfer EY, der massiv in die Kritik geraten ist. EY steht nicht nur vor einer Klagewelle, sondern hat schon mehrere namhafte Prüfmandate wie etwa Commerzbank und Deutsche Telekom verloren. Starke Umsatzeinbrüche erwartet Hossenfelder bei EY dennoch nicht: „Den Wegfall von Prüfmandaten könnte EY mit Beratungsmandaten wieder kompensieren.“ Gelänge dies, würde es keinen Einbruch des Gesamtumsatzes geben, sondern eine Verschiebung des Umsatzes innerhalb der Geschäftsfelder von EY.

Indirekt wird der Wirecard-Skandal aber Folgen für die gesamte Branche haben, denn die Prüfer müssen sich nun mit dem neuen Gesetz zur Stärkung der Finanzmarktintegrität (FISG) auseinandersetzen. Es ist seit dem 1. Juli in Kraft und beinhaltet unter anderem kürzere Rotationsfristen, eine weitergehende Trennung von Prüfung und Beratung als zuletzt sowie eine deutlich höhere Haftung für Abschlussprüfer

Von Lünendonk & Hossenfelder befragte WP-Gesellschaften halten die Maßnahmen fast durchgängig für nicht zielführend: Fast alle Befragten sind der Meinung, dass sie zu einer Erhöhung der Konzentration im Prüfermarkt führen dürften. 85 Prozent glauben nicht, dass das FISG die Prüfungsqualität verbessert, ebenso viele fürchten negative Auswirkungen auf die Nachwuchsgewinnung. Sie plädieren eher für eine Weiterentwicklung der Corporate Governance. 40 Prozent würden Joint Audits befürworten.

Wirtschaftsprüfer sehen FISG kritisch

Auch viele der Geschäftsführer von WP-Gesellschaften, die an der Vorstellung der Lünendonk-Liste teilnahmen, äußerten sich zu den FISG-Maßnahmen vor Journalisten kritisch. „Man muss die Kirche im Dorf lassen. Wirecard ist ein historischer Skandal, der aber keinen Rückschluss auf ein systemisches Versagen der WP-Branche zulässt“, sagte etwa Michael Häger, Vorstandsvorsitzender bei Warth & Klein Grant Thornton. „Ich bin sicher, jeder Berufsträger gibt sein Bestes.“ Gleichzeitig investiere man sehr viel in Aus- und Weiterbildung der Mitarbeiter.

Christoph Schenk, Geschäftsführer von Deloitte und Managing Partner Audit & Assurance, hält zumindest die kürzeren Rotationspflichten für einen „vielversprechenden Ansatz“, um die Qualität zu erhöhen. Die vor allem von mittelständischen Häusern geforderten Joint Audits sieht er allerdings kritisch: „Ich sehe darin vor allem eine Erhöhung von Komplexität. Außerdem: Wo Verantwortung geteilt wird, wird Verantwortung verwässert“, so seine Meinung zu einer Prüfung, bei der zwei WP-Gesellschaften gemeinsam agieren und sich auf ein gemeinsames Testat verständigen.

Michael Häger von Warth & Klein Grant Thornton sieht dies anders: „Komplexität kann man bewältigen, es muss aber gewollt sein.“

julia.schmitt[at]finance-magazin.de

Info

Mehr zu den vier größten Wirtschaftsprüfern sowie dem Verfolgerfeld erfahren Sie auf den Themenseiten zu den Big Four und Next Six.

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Julia Schmitt ist Chef vom Dienst bei FINANCE-Online und Moderatorin bei FINANCE-TV. Sie betreut die Themenschwerpunkte Wirtschaftsprüfung, Controlling und Bilanzierung. Julia Schmitt hat einen Abschluss in Volkswirtschaftslehre und Publizistik und arbeitete während ihres Studiums unter anderem in der Online-Redaktion der ZDF heute.de-Nachrichten.

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