Der Flugzeugsitzhersteller ZIM Flugsitz ging Anfang des Jahres an den Turnaround-Investor Aurelius. Nun durchläuft ZIM eine Insolvenz in Eigenverwaltung.

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04.08.20
Wirtschaft

Restrukturierungsnews: ZIM Flugsitz, Strenesse, J. Fink Druck

Der Flugzeugsitzhersteller ZIM will sich in Eigenverwaltung sanieren, das Modelabel Strenesse stellt sein Geschäft ein und Krankenkassen stellen Insolvenzantrag gegen J. Fink Druck: Die aktuellen Restrukturierungsnews im FINANCE-Überblick.

ZIM Flugsitz muss in die Eigenverwaltung

Der Hersteller von Flugzeugsitzen ZIM Flugsitz hat eine Insolvenz in Eigenverwaltung beantragt. Als vorläufiger Sachwalter wurde Martin Mucha (Grub Brugger) bestellt, die Geschäftsführung des Markdorfer Unternehmens wird von Jochen Glück als CRO sowie Maximilian Pluta (Kanzlei Pluta) begleitet.

Das Unternehmen beschäftigt mehr als 200 Mitarbeiter. Das Gründerehepaar Zimmermann hatte erst zu Beginn dieses Jahres eine Mehrheit der Anteile an den Turnaround-Investor Aurelius verkauft. Die Transaktion wurde Ende Februar abgeschlossen, wenige Wochen bevor die Coronakrise auch Europa mit voller Wucht traf. Damals bezeichnete Aurelius Auftragsbestand und Nachfrage nach den Sitzen noch als „sehr gut“. Die Ausfälle durch die Corona-bedingten Reisebeschränkungen haben den Zulieferer seither in Schieflage gebracht. Der Geschäftsbetrieb läuft weiter, in den kommenden Wochen soll nun ein Konzept für die Zukunft der Gesellschaft erarbeitet werden. 

Strenesse stellt Betrieb endgültig ein

Das Modelabel Strenesse stellt seinen Betrieb zum Jahresende endgültig ein. Der schwäbische Modeproduzent hatte im Sommer 2019 zum zweiten Mal Insolvenz angemeldet und ein Eigenverwaltungsverfahren begonnen. 56 Mitarbeiter sind dem Unternehmen zufolge von der Schließung betroffen.

Die im vergangenen Jahr begonnene Restrukturierung, bei der unter anderem Stellen gestrichen und Verkaufsstellen geschlossen wurden, soll zwar im ersten Quartal 2020 fast abgeschlossen gewesen sein, durch die Folgen der Coronakrise wurde das Unternehmen jedoch erneut zurückgeworfen. 

Insolvenzanträge gegen J. Fink Druck

Die Druckerei J. Fink Druck in Ostfildern befindet sich im vorläufigen Insolvenzverfahren. Dem vorläufigen Insolvenzverwalter Dietmar Haffa (Schultze & Braun) zufolge hatten mehrere Krankenkassen zuvor Insolvenzanträge gegen das Unternehmen gestellt – Hintergrund seien nicht abgeführte Krankenkassenbeiträge. 

Haffa zufolge soll es im Unternehmen Unregelmäßigkeiten gegeben haben: „Die Mitarbeiter, mit denen ich sprechen konnte, haben mitunter seit April Teile ihres Lohnes nicht mehr erhalten. Offenbar wurde Kurzarbeitergeld beantragt und auch genehmigt, aber vom Unternehmen nicht an die Mitarbeiter weitergereicht“, wird Haffa in einer Mitteilung zitiert. Die Buchhaltungsunterlagen befänden sich zudem in einem Schwesterunternehmen der Druckerei, so dass Haffa darauf zunächst keinen Zugriff gehabt habe, hieß es weiter. 

Der Geschäftsbetrieb steht inzwischen still, Lieferanten haben die Belieferung eingestellt. J. Fink Druck war erst im Mai 2019 von der niederländischen Circle Media Group an das finnische Private-Equity-Unternehmen Printers Group verkauft worden.

Weitere Insolvenz- und Sanierungsverfahren

Der Investor Lars Windhorst wird über mehrere Gesellschaften seiner Tennor Holding die Wirtschaftsgüter der Flensburger Schiffbau-Gesellschaft (FSG) im Rahmen einer übertragenden Sanierung übernehmen. Windhorst war bereits 2019 bei der Werft eingestiegen, nun geht diese an neue Gesellschafter über, um einen Neustart ohne finanzielle Altlasten zu ermöglichen. 350 Mitarbeiter behalten ihren Arbeitsplatz, 300 weitere sollen in eine Transfergesellschaft wechseln. Wenn dies planmäßig gelingt und auch der Kaufpreis wie vereinbart fließt, soll der M&A-Deal zum 1. September vollzogen werden. Der Kaufvertrag wurde Ende Juli notariell beurkundet, über den Kaufpreis wurde Stillschweigen vereinbart. Die FSG befand sich seit vier Monaten im vorläufigen Eigenverwaltungsverfahren, das die Restrukturierungsberatung Enomyc begleitet hat. Die Flensburger Werft hatte in den zurückliegenden Wochen auch mit dem Wettbewerber Pella Sietas über einen Einstieg verhandelt. Nun hieß es, man können sich in Zukunft gemeinsame Projekte vorstellen.

Der 1. FC Kaiserslautern will mit einer regionalen Investorengruppe die finanzielle Neuausrichtung schaffen. Der Drittligist hatte im Juni eine Insolvenz in Eigenverwaltung beantragt. Zu der Investorengruppe um Sprecher Giuseppe Nardi zählen auch Peter Theiss, Klaus Dienes, Dieter Buchholz und Axel Kemmler. Unbestätigten Berichten zufolge soll deren Angebot rund 8 Millionen Euro umfassen. Allerdings verlangen die neuen Investoren einen Schuldenschnitt, über den mit den Gläubigern noch verhandelt wird. Ein Insolvenzplan soll bis 1. September vorliegen.

Das Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung für Mister Minit ist eröffnet. Wie aus einer Mitteilung hervorgeht, wird der Geschäftsbetrieb des Reparaturdienstes fortgeführt. Allerdings seien weitere Restrukturierungsmaßnahmen notwendig, um eine „langfristige Zukunftsperspektive für das Unternehmen sicherzustellen“. Weil der Geschäftsbetrieb in seiner aktuellen Struktur „nicht kostendeckend aufrecht erhalten werden kann“, wurde Masseunzulänglichkeit angezeigt. Mister Minit wird kurzfristig 30 der 148 Filialen schließen. Es haben aber bereits mehrere Interessenten Übernahmeangebote abgegeben, heißt es in der Mitteilung weiter. Finale Konzepte und Angebote will der Generalbevollmächtigte Till Buschmann (Kanzlei Bryan Cave Leighton Paisner) bis Ende August den Gläubigergremien und weiteren Beteiligten zur Entscheidung vorlegen. Sachwalter der Eigenverwaltung ist Gregor Bräuner von der Kanzlei HWW.

Im eröffneten Eigenverwaltungsverfahren des Einzelhändlers Herzog & Bräuer sieht Sachwalter Jörg Schädlich (Kanzlei Stapper Jacobi Schädlich) gute Chancen auf eine Weiterführung des Unternehmens mit 111 Standorten. Die Umsätze haben sich Unternehmensangaben zufolge stabilisiert und liegen bei etwa 85 Prozent des Vorjahresniveaus. Als Generalbevollmächtigter begleitet Stefan Ettelt (Kanzlei Kulitzscher & Ettelt) den insolvenzrechtlichen Teil der Restrukturierung, Sanierungsgeschäftsführer ist Simon Leopold (ABG Consulting-Partner). Im Zuge des Sanierungskonzepts seien bereits interne Abläufe verbessert worden, zudem soll das Unternehmen eine neue Filialstruktur erhalten. 

Die Restaurant- und Cateringbetriebe „Das ist Catering“ und „Das ist Gastronomie“ der Sarah-Wiener-Gruppe haben Insolvenzantrag gestellt. Zum vorläufigen Insolvenzverwalter wurde Philipp Hackländer (White & Case) bestellt. Die Gastronomiebetriebe wurden von den Folgen der Coronakrise hart getroffen. Die zur Gesellschaft gehörenden Berliner Restaurants im Museum Hamburger Bahnhof und im Futurium sollen weiterbetrieben werden, bis September soll ein Sanierungskonzept vorliegen. Hackländer hat im vergangenen bereits das Cateringunternehmen Kofler & Kopmanie als Sachwalter im Eigenverwaltungsverfahren begleitet.

Der Felgenproduzent BBS hat erneut Insolvenz beantragt. Dem Unternehmen zufolge habe durch „den unerwarteten Wegfall von zugesagten Zahlungen“ in den kommenden Monaten die Zahlungsunfähigkeit gedroht. Die Produktion in den beiden BBS-Werken werde jedoch fortgesetzt. Thomas Oberle als vorläufiger Insolvenzverwalter und Marc-Philippe Hornung (beide SZA Schilling, Zutt & Anschütz)  begleiten das Unternehmen durch das Verfahren. Oberle war bereits 2011 Insolvenzverwalter der Vorgängergesellschaft BBS International. Insgesamt ist es die dritte Insolvenz für den 1970 gegründeten Automobilzulieferer. BBS beschäftigt rund 525 Mitarbeiter. 

Das Amtsgericht Köln hat das Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung für das Modeunternehmen Appelrath Cüpper eröffnet. Zum Sachwalter wurde Bero-Alexander Lau (Kanzlei White & Case) bestellt, Jasper Stahlschmidt (Kanzlei Buchalik Brömmekamp Rechtsanwaltsgesellschaft) agiert als Generalbevollmächtigter. Stahlschmidt geht davon aus, dass das Insolvenzverfahren zu Beginn des kommenden Jahres abgeschlossen werden kann. Appelrath Cüpper beschäftigt rund 1000 Mitarbeiter und erwirtschaftet eigenen Angaben zufolge einen Jahresumsatz von 110 Millionen Euro.

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Das Unternehmen Goerlich Kunststofftechnik hat beim Amtsgericht Dresden ein Schutzschirmverfahren beantragt. Gesellschafterkreis und externe Investoren hätten bereits signalisiert, die Umsetzung der Sanierung im Rahmen eines Insolvenzplans „finanziell zu unterstützen“, Details dazu wurden nicht genannt. Jochen Sedlitz (Menold Bezler) begleitet das Verfahren als Generalbevollmächtigter, vorläufige Sachwalterin ist Bettina Schmudde (White & Case). Als Unternehmensberater ist Helge Hoffmann (Bachert & Partner) involviert.

Die Kaffee-Kette San Francisco Coffee Company München hat Insolvenzantrag gestellt. Als vorläufiger Insolvenzverwalter wurde Max Liebig (Jaffé Rechtsanwälte) bestellt. Er sucht nun einen Investor, der das Franchise-Unternehmen weiterführt und die Marke übernimmt. Das 1999 in München gegründete Unternehmen hatte in seiner Hochphase 17 Standorte. Die selbst betriebenen Standorte schrieben jedoch Verlust, 2018 stellte das Unternehmen seine Strategie um und setzte verstärkt auf Franchisenehmer. Derzeit sind noch sechs Filialen geöffnet.

Die Bäckerei-Kette Garde ist zum dritten Mal seit 2013 insolvent. Vorläufiger Sachwalter im Eigenverwaltungsverfahren ist Malte Köster (Willmer Köster), der das Unternehmen bereits im vorherigen Verfahren aus dem August 2019 begleitet hatte. Als Grund für die Schwierigkeiten wird die Coronakrise genannt. Die Geschäftsführung wird im Verfahren juristisch von der Kanzlei BBL Bernsau Brockdorff begleitet.

Der Schuhhändler Aktiv-Schuh hat Insolvenz in Eigenverwaltung beantragt. Zu dem Unternehmen gehören bundesweit rund 60 Filialen. Vorläufiger Sachwalter ist Torsten Martini (Kanzlei Leonhardt-Rattunde). Das Unternehmen hatte im Zuge der Coronavirus-Krise schwere Umsatzausfälle im stationären Geschäft erlitten. 

Der Investorenprozess bei Wirecard macht dem vorläufigen Insolvenzverwalter Michael Jaffé (Jaffé Rechtsanwälte) zufolge Fortschritte: Für die Tochter Wirecard North America hätten rund 60 Interessenten Vertraulichkeitsvereinbarungen unterzeichnet, die Management-Präsentationen laufen bereits. In den kommenden Wochen sollen die Bieter ihre konkreten Kaufangebote abgeben. Parallel steht das Kerngeschäft (Acquiring & Issuing) zum Verkauf. „Hier haben bereits 77 Interessenten Vertraulichkeitsvereinbarungen unterzeichnet“, sagte Jaffé. Für weitere Beteiligungen, die unabhängig vom Kerngeschäft verkauft werden können, läuft derzeit die Verwertung an. 

Die schwäbischen KMK Metallwerke haben Insolvenzantrag gestellt. Die Geschäftsleitung wird von der Kanzlei Solutio Schneider beraten, als vorläufiger Insolvenzverwalter wurde der Ravensburger Rechtsanwalt Matthäus Rösch eingesetzt. Nun soll geprüft werden, ob eine Fortführung oder ein Verkauf des Unternehmens möglich ist.

Die Betreibergesellschaft HAB-Betriebs GmbH des Fünf-Sterne-Hotels Sofitel am Kurfürstendamm in Berlin ist insolvent. Der Betrieb läuft zunächst bis Ende August weiter. Als vorläufigen Insolvenzverwalter setzte des Amtsgericht Charlottenburg Christian Graf Brockdorff (BBL) ein.

Das Amtsgericht Hanau hat das Insolvenzverfahren über Veritas sowie die Töchter Veritas Thüringen, Veritas Sachsen sowie Poppe eröffnet. Insolvenzverwalter in allen vier Verfahren ist Jan Markus Plathner (Brinkmann & Partner). Seit dem Insolvenzantrag im April läuft ein Investorenprozess, der auch die Auslandsgesellschaften in China, Mexiko, den USA, Bosnien, der Türkei, Österreich und Ungarn umfasst. Plathner zufolge nehmen daran sowohl strategische als auch Finanzinvestoren teil, es gebe Interessenten an der gesamten Gruppe sowie auch an einzelnen Betrieben.

Das Amtsgericht Dresden hat das Insolvenzverfahren für den Automobilzulieferer Minda KTSN Plastic Solutions eröffnet. Begleitet wird die Insolvenz von Insolvenzverwalter Rainer M. Bähr und Rechtsanwalt Michael Putze (beide Kanzlei Hermann Wienberg Wilhelm). Der Kunststoffhersteller beschäftigt am Stammsitz in Pirna knapp 300 Angestellte und erwirtschaftete eigenen Angaben zufolge zuletzt einen Jahresumsatz und 56 Millionen Euro. Infolge von drastischen Umsatzeinbrüchen im April dieses Jahres musste Minda Anfang Juni Insolvenzantrag stellen. Wie die Kanzlei mitteilte, haben sich mittlerweile zahlreiche Investoren gemeldet, die überwiegend daran interessiert sind, ausländische Beteiligungen zu erwerben. Insolvenzverwalter Bähr rechnet damit, im Laufe der kommenden Monate einen Investor zu finden.

Distressed M&A-Deals

Das Nürnberger Werkzeugbauunternehmen Konrad Häupler wird Teil der aft-Automotive-Gruppe. Das Unternehmen hatte Anfang Dezember 2019 Insolvenz in Eigenverwaltung beantragt. Gründe für die Schieflage waren sinkende Umsätze, zudem hatten Kosten für den Neubau einer Fertigung die Liquidität belastet. Als Sachwalter war Volker Böhm von Schultze & Braun berufen worden, Johannes Schwarz (Kanzlei Schwarzrecht) begleitete das Unternehmen als Sanierungsgeschäftsführer. Betriebswirtschaftlich wurde Häupler von Michael Saatmann (Intrion Managementberatung) begleitet. Aft-Automotive hat sich in einem Investorenprozess durchgesetzt, finanzielle Details wurden nicht bekannt. Das Geschäft wird künftig in der neu gegründeten Tochtergesellschaft MKS Werkzeug- und Formenbau geführt, die Übernahme erfolgt rückwirkend zum 1. Juli.

Die seit April 2020 insolvente Traditionsbuchhandlung Morisse/Sieglin in Bremerhaven und Bremen hat einen Kaufvertrag mit einer namentlich nicht genannten Käuferin geschlossen. Morisse/Sieglin hatte in den zurückliegenden Wochen auch über Crowdfunding frische Mittel eingesammelt. Als eine Option galt daher die Gründung einer neuen GmbH, die die insolvente OHG ablösen könnte. Die Gläubigerversammlung muss der Transaktion am 14. August noch zustimmen. „Viele Gläubiger haben ihre Zustimmung zum Kaufvertrag bereits signalisiert“, heißt es in einer Mitteilung von Hendrik Heerma (Sozietät FRH Fink Rinckens Heerma), der den insolventen Buchhändler durch die Neuaufstellung begleitet hat.

Der Anlagenbauer Piller Entgrattechnik mit Sitz im schwäbischen Ditzingen ist an die SFO-Gruppe verkauft worden, ein Family Office mit Sitz in München. Finanzielle Details der Transaktion wurden nicht bekannt. Piller hatte Ende Februar Insolvenzantrag gestellt, als Insolvenzverwalter fungierte Martin Mucha (Grub Brugger). Der Investor übernimmt den Standort in Ditzingen mit 105 Arbeitsplätzen, sowie in Kecskemet (Ungarn) mit 15 Beschäftigten. Die Arbeitsplätze sollen erhalten bleiben. Der Investor SFO ist auf die Übernahme von Maschinen- und Anlagenbauern in Sondersituationen spezialisiert. Zum Portfolio gehört unter anderem die Nayak Gruppe, die 2017 ebenfalls eine Insolvenz durchlaufen hatte.

Weite Teile der Hamburger Stadtbäckerei Schenefeld Friedrich Drave, die im Mai die Eröffnung eines Insolvenzverfahrens beantragt hatte, haben einen neuen Besitzer. Insolvenzverwalter Gideon Böhm (Kanzlei Münzel & Böhm) hat acht der zehn Standorte im Rahmen eines Asset Deals an die Bäckerei Allwörden verkauft. Neben den Filialen werden 73 Fachkräfte übernommen. Das Beratungshaus Centuros (Carlos Rodrigues und Martin Alexander Schneider) hat die Investorensuche begleitet.

Das Lackiercenter Geiß ist einen Monat nach Eröffnung des Insolvenzverfahrens in neuen Händen: Insolvenzverwalter Jens Lieser (Lieser Rechtsanwälte) verkaufte das Unternehmen im Zuge einer übertragenden Sanierung an Osbra Einhaus. Concentro Management (Lars Werner und Philipp Goller) hat den Investorenprozess begleitet, die Käufer wurden von Sebastian Gall (Grub Brugger) begleitet. Der Kaufvertrag wurde rückwirkend zum 1. Juli geschlossen. Das Unternehmen war 2019 in die Krise geraten, als ein wichtiger Kunde aus dem Automotive-Bereich in die Insolvenz geriet.

Für den Medizinproduktehersteller Curasan erstellt Insolvenzverwalter Frank Schmitt (Schultze & Braun) derzeit einen Insolvenzplan, über den die Gläubiger noch im dritten Quartal dieses Jahres abstimmen sollen. Ziel sei es, dass Curasan das Insolvenzverfahren in diesem Jahr noch beenden könne. Im Plan sollen die Details einer Übernahme durch die Beteiligungsgesellschaft Donau Invest sowie die Insolvenzquote festgelegt werden. Der Geschäftsbetrieb ist über ein Massedarlehen gesichert, das Donau Invest stellt. Die Interessen der Curasan-Anleihegläubiger vertritt Nikolaus Lutje (Kanzlei Bergdolt) als gemeinsamer Vertreter.

Der Finanzinvestor Pentapart übernimmt den Geschäftsbetrieb des Lichtwerbeherstellers Westiform Deutschland. Insolvenzverwalter Dirk Pehl (Schultze & Braun) zufolge bleiben 140 der vormals rund 220 Arbeitsplätze erhalten. Das Unternehmen hatte im Oktober 2019 Insolvenzantrag gestellt, nachdem die Umsätze insbesondere mit Kunden in der Automobilindustrie deutlich zurückgegangen waren. Das Beratungshaus Saxenhammer hat die Investorensuche begleitet. 

Der Baudienstleister Real Innenausbau geht an ein Erwerberkonsortium um den bisherigen Geschäftsführer Michael Betz und den Mittelstandsinvestor LMCF2. Teil des Asset Deals ist auch der Möbelhersteller Möbelwerk Hoch3, der nicht von der Insolvenz betroffen ist. Betz wird das Unternehmen weiterhin leiten. Die Kanzlei Menold Bezler (Federführung: Jost Rudersdorf) ist als rechtlicher Berater von Real Innenausbau tätig. Insolvenzverwalter ist Marcus Winkler (Kanzlei Winkler Gossak). Real Innenausbau mit Sitz im baden-württembergischen Külsheim sowie einem Standort in Düsseldorf hatte im März dieses Jahres Insolvenzantrag gestellt.

Weitere Restrukturierungen und Branchennews

Der Hersteller von Porzellan für das Hotel- und Gastronomiegewerbe BHS Tabletop steht vor einer Restrukturierung. Ziel sei es, die niedrige Ertragskraft der zurückliegenden Geschäftsjahre zu verbessern, als das Unternehmen eine Ebit-Marge von 2,1 bis 2,4 Prozent erzielte. Die wirtschaftlichen Folgen durch die Coronakrise hätten den Druck zur Neuausrichtung verstärkt. Der Porzellanproduzent wird nun rund 250 Stellen an den Standorten Schönwald, Selb und Weiden abbauen, um die Personalkosten zu senken. Zudem will das Unternehmen in Automatisierung investieren und bereichsübergreifende Prozesse verschlanken und verbessern. Der Unternehmensumbau soll Ende 2021 alle Standorte in Nordbayern sowie alle Unternehmensbereiche umfassen. Die für die Umsetzung erforderlichen zusätzlichen Finanzmittel stellen die Hausbanken LBBW und Raiffeisenlandesbank Oberösterreich sowie die Förderbank Bayern. Auch der Hauptgesellschafter Serafin hat BHS zufolge einen Beitrag zugesagt, finanzielle Details wurden jedoch nicht bekannt. 

Das Maschinenbauunternehmen Chiron Group will den Umsatzeinbrüchen in seinen Kundenmärkten Automotive und Luftfahrt mit einer Neuausrichtung begegnen. Fertigung und Montage werden in Tuttlingen und Neuhausen gebündelt, Service und Vertrieb von Stama-Produkten künftig in Schlierbach. Die Tochter Scherer Feinbau mit Sitz in Alzenau steht zum Verkauf. Chiron zufolge interessierte sich ein Drehmaschinenhersteller für eine Übernahme, die Transaktion soll noch in diesem Sommer abgewickelt werden. Das Unternehmen mit rund 2.100 Mitarbeitern verzeichnete nach eigenen Angaben bereits 2019 einen „deutlichen Rückgang der Nachfrage“, der Umsatz sank gegenüber dem Vorjahr von 500 Millionen auf 443 Millionen Euro. 

Der Reiseanbieter „Berge & Meer“ steht dem Branchenportal „fvw“ zufolge vor einer harten Restrukturierung. Als weiterer Geschäftsführer wurde der Interimsmanager Christopher Nolde engagiert, um den Sanierungskurs umzusetzen. Ziel sei eine Einsparung, die bis zu 100 Stellen entspreche, zitiert ihn das Portal. Berge & Meer beschäftigte zuletzt rund 345 Mitarbeiter. 

Die neuesten Restrukturierer-Personalien

Der auf Sanierungen spezialisierte Rechtsanwalt Tim Langstädtler ist neuer Partner der Kanzlei Stellmach & Bröckers. Er kommt von Buchalik Brömmekamp, wo er seit 2016 als Projektleiter für Eigenverwaltungsverfahren sowie in der Restrukturierungs- und Sanierungsberatung tätig war, und hat zudem Erfahrung als Insolvenzverwalter. Langstädtler soll künftig für Stellmach & Bröckers den Standort Osnabrück leiten und ein weiteres Büro in Hamburg aufbauen. 

Roland Berger hat das Restrukturierungs- und Transformationsteam erweitert. Jan Maser ist neuer Partner in Düsseldorf, er war zuvor Mitglied der Geschäftsleitung bei Helbling Business Advisors und leitete als Head of Automotive die internationalen Aktivitäten in der Automobilbranche. Als neuer Partner in Zürich kommt Stephan Hartmann ins Team. Er wechselt von Deloitte, wo er im „CFO Advisory“ tätig war und zudem als Co-Head den Bereich Finance & Performance verantwortete. Als Principal hat Roland Berger Markus Held verpflichtet. Er wird von München aus für das Beratungshaus arbeiten und war zuletzt Managing Director und Head of Distressed M&A bei der Corporate-Finance-Boutique One Square Advisors.

Jens Alsleben, ehemals Geschäftsführer des Private-Equity-Hauses HIG Capital, hat als Senior Advisor bei der Turnaround-Beratung Excelliance Management Partners angeheuert. Alsleben ist seit März bereits Mitinhaber bei des Beratungshauses „Grossefreiheit“ in Hamburg, wo er Führungskräfte coacht. 

Blick in den Markt

Viele KfW-Kredite scheitern an den strikten Vorgaben der Bank, ergab eine Umfrage der Restrukturierungsberatung Falkensteg unter Krisenberatern, in die Angaben zu 145 Anträgen auf KfW-Hilfen eingeflossen sind. Demnach wurde jeder sechste Kreditantrag abgelehnt. Die meisten scheiterten, weil Kredit- oder Bürgschaftskriterien nicht erfüllt wurden. In anderen Fällen wollten die Banken den Risikoanteil nicht tragen oder hatten zu wenig Vertrauen in die Geschäftsführung.

Der Kreditversicherer Euler Hermes rechnet einer Analyse zufolge mit einer weltweiten Pleitewelle im zweiten Halbjahr dieses Jahres sowie im ersten Halbjahr 2021. Während zwei Drittel der Länder schon in diesem Jahr von einem starken Anstieg der Insolvenzen betroffen seien, darunter die USA, Brasilien, China, Portugal, Spanien und Italien, rechnen die Experten für Länder wie Deutschland erst im kommenden Jahr mit dem stärksten Anstieg. „Deutschland könnte im Vergleich zu vielen anderen Ländern mit einem blauen Auge davonkommen", sagt Ron van het Hof, CEO von Euler Hermes in Deutschland. Insgesamt dürften die Pleiten im Zuge der Coronavirus-Pandemie bis 2021 um 12 Prozent ansteigen, davon dürften 8 Prozent auf 2021 entfallen. In den USA dagegen hat die Zahl der Insolvenzen der Studie zufolge bereits in diesem Jahr um 47 Prozent zugelegt, in China betrug der Anstieg 21 Prozent.

Insolvenzverwalter Martin Hörmann klagt gegen frühere Vorstände des Küchenbauers Alno. Dieser hatte 2017 Insolvenz angemeldet, später ergaben Gutachten jedoch, dass das Unternehmen schon 2013 zahlungsunfähig gewesen sei. Seitdem prüfte der Insolvenzverwalter mögliche Ansprüche gegen die Unternehmenslenker und will nun drei frühere Vorstandsmitglieder verklagen. Welche Vorstände dies sind und um welche Summen es geht, wurde zunächst nicht bekannt. Die Staatsanwaltschaft Stuttgart ermittelt im Fall Alno gegen zwölf Beschuldigte wegen des Verdachts auf Insolvenzverschleppung und Betrug.

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